• Knoppi

Spiel zwei: Zwischen Tränen und Gesang

Relegationsrückblick Teil 4/4 -


Auch heute noch geistern hin und wieder die Gedanken an diese Spiele im Mai 2018 durch meine Hirnwindungen. Gute Erinnerung? Schlechte Erinnerung?

Ich bin mir einfach nicht sicher, ob ich enttäuscht aufgrund der verpassten Aufstiegschance, wütend wegen der vergebenen Großchancen und der nervigen Fehler bei den Gegentoren oder doch eher stolz auf ein richtig krasses Jahr und eine echt geile Truppe sein soll? Es schwankt meist einen kurzen Moment hin und her. Wie das Bier im Becher, wenn die Denkedrans durchs Stadion dröhnen. Doch am Ende kippt es dann immer, wie wahrscheinlich bei den meisten von uns schnell in Richtung Stolz… oder übers Trikot. Wie sollte man dieses Jahr als Holstein-Fan auch nicht lieben? Und doch hat uns leider am Ende ein aufgepumpter Werksklub die Kirsche von der Torte genommen und sie in seinen speckigen Wanst geschoben. Das ist zwar scheiße, aber so ist das im Sport. Trotzdem ist das Erreichen dieser beiden Relegationsspiele der größte Erfolg in den letzten Jahrzehnten und bereichert die Historie von Holstein Kiel um einen weiteres Kapitel.

Natürlich waren die beiden Storchblogger auch beim Rückspiel im Holstein-Stadion, an ihren angestammten Orten auf Posten. Ich hinter der Bande am Spielfeldrand, die Kamera im Anschlag. Chris in Block G, in jeder Hand ein gut gefühlten Becher. Jeder tut was er kann für den Erfolg. So sind die Regeln. Könnte schlimmer sein. Es gibt so Tage, die sind für Fussball gemacht. Zugegebenermaßen gehören Montage eigentlich nicht dazu, aber der 21. Mai 2018 gibt sich wirklich Mühe, dass muss man ihm lassen. Eine untergehende Sonne, die durch die Flanke zwischen Block I und J bricht. Laue Sommertemperaturen und ein Spiel, bei dem es um die Wurst geht. Herrlich. Da stört selbst das beschissene Hinspielergebnis nur schmeißfliegenhaft.

War ich beim Hinspiel in Wolfsburg noch aufgeregt wie lange nicht, so war es hier im eigenen Wohnzimmer das genaue Gegenteil. Bis kurz vor Anstoß lungerte ich noch mit Freunden im Block und vorher schon seit eineinhalb Stunden an der Vier herum, genoss eine der sensationellen Frikadellen vom Grill und das eine oder andere kühle Blonde. Dazu das Schwelgen in Saisonerinnerungen. Man hätte das bis 24 Uhr nachts so weiter machen können und man hätte doch nicht alle Saisonhighlights noch einmal Revue passieren lassen können. So viele! So schön! So unvergesslich! Geile Saison!


Ich muss zugeben, dass ich vor dem Heimspiel zwar fokussiert, aber auch relativ entspannt war. In der gesamten Mannschaft herrschte in dieser Saison ein guter Spirit, ein guter Teamgeist und viel Glaube an die eigenen Fähigkeiten. Vor dem Rückspiel waren wir alle stark davon überzeugt, dass wir zumindest gewinnen können – und es dann vielleicht noch reicht. Kinsombi darüber, wie die Stimmung im Team war.

Jetzt stehe ich am Grün. Die Denkedrans haben gerade den Platz geräumt. Die Einlaufmucke dröhnt. Die Spieler betreten den Rasen. Die letzten Bengalos verglimmen. Crunshtime! Aber irgendwie ist es anders als in Wolfsburg. Ich bin merkwürdig ruhig, fast tiefenentspannt. Ich freue mich einfach auf das Spiel und die Bilder, die dabei entstehen. Ich bin eins mit dem Spiel und dem Kosmos, würde mein spirituelles Hippie-Ich sagen. Dann feuern der Duckscher und der Seydel knapp am Tor vorbei. Die lauten „Nein!“, „Ooooohhh!“ und „Scheiße!“-Rufe reißen mich aus meiner kifferähnlichen Benommenheit. Das Herz stellt den Betrieb wieder von Kurzarbeit auf Akkord. „Hier geht heute was“, rufe ich mir selber zu und balle die Faust. Sechzig Sekunden später schiebt Malli zum 1:0 für Wolfsburg ein. „Hier geht heute nix“, sage ich, während mein Kopf auf die breite Oberkante der Bande fällt. Der Jubel der mitgereisten Wolfsburger hinter mir kotzt mich an. Dann herrscht abrupt Stille. Ich hebe meinen Kopf und sehe, wie der Schiedsrichter pantomimisch einen Fernseher in den Holsteiner Abendhimmel malt: Videobeweis. Tor zählt nicht. „Hier geht heute was“, rufe ich mir wieder zu.

Aber, obwohl noch alles drin ist, ist nach diesem Schock irgendwie die Luft raus. So gut Holstein auch angefangen hat, ab der 20. Minute übernimmt Wolfsburg das Spiel und verschleppt gekonnt das Tempo und macht sehr geschickt die Räume zu. Schwierig bis unmöglich da durchzukommen. Besonders ohne Drexlers Geistesblitze. Und so geht es dann auch torlos in die Halbzeitpause. Verdient irgendwie. Aufgrund der Begebenheiten hat das Spiel Spannung, aber leider noch kein Feuer. Das flackert dann aber direkt nach Wiederanpfiff gleich auf. Der dürre, lange mit der lustigen Frisur setzt zum Zidane-Gedächtnis-Hackentrick an und erzielt fast das KSV-Tor des Jahres. Seydel nimmt im Fünfer eine Herrmannhereingabe direkt mit der Hacke und bringt den Ball brandgefährlich aufs Tor. Leider ist Casteels im Wolfsburger Tor wacher, als er aussieht. Mit Schlafzimmerblick pariert er blitzschnell die Pille und klärt zur Ecke.


Mir wäre egal gewesen, ob ich dabei treffe oder eben nicht. Ich hätte mir einfach sehr gewünscht, dass wir aufsteigen. Und na klar: Vielleicht hätte die Relegation einen anderen Verlauf genommen, wenn ich damals ein Tor gemacht hätte - wir wissen es nicht. Ducksch darüber, ob es ihn wurmt, nicht getroffen zu haben.

Diese bringt nichts ein. Wie leider der Großteil der zweiten Halbzeit. Ich wünschte ich könnte von weiteren Chancen erzählen. Von ängstlichen Wölfen, die von unseren Störchen im Formationsflug über die Koppel gejagt wurden. Von Angstschweiß auf der Stirn des schönen Bruno. Kann ich aber nicht. Über die Koppel wehte höchstens ein warmes Sommerlüftchen und der Schweiß auf Labbadia Stirn kam wenn überhaupt von der untergehenden Sonne. Die teuerste Schraubertruppe der Welt war schlicht und einfach eine Nummer zu groß an diesem 21. Mai. In der 74. Minute dann setzt Arnold zum Todesstoß an. Erst zwingt er Kenny zur Glanzparade. Dann zirkelt er die darauf folgende Ecke millimetergenau auf die Murmel vom heranrauschenden Knoche. Gegenspieler? Nope! Klappe zu! Affe tot! Aus die Maus! Passiert, es kommt nicht wirklich überraschend. Das Stadion ist für einen kurzen Moment still. Außer natürlich die Wolfsburger in der Ostkurve. Der Rest der 12.000 Zuschauer trägt nun auch den letzten kleinen Hoffnungsschimmer zu Grabe. Doch die Schweigeminute dauert nur wenige Augenblicke. Block H und I sind, wie gewohnt, die ersten und lautesten, die sich gefangen haben. „Holstein Kiel! Holstein Kiel!“, schallt es Sekunden später durch unsere geliebte Wellblechhütte.

Die restliche Viertelstunde wird frenetisch singend und feiernd verbracht. Auch wenn den Spielern auf dem Platz der Frust und die Enttäuschung anzusehen ist. Die Kieler auf den Rängen könne diese Niederlage gut einschätzen und feiern ein geiles Jahr. Czichos versucht ihnen noch einmal den Ehrentreffer zu schenken. Was für Maradona gut genug ist, das reicht gerade so für unser Kapitän. Sein Handspiel wird durch den Fenster-Pantomimen Schiedsrichter leider verhindert. Egal. Abpfiff. Knapp zehn Meter von mir entfernt sitzt der eingewechselte Janzer (heutige Schwenk) auf dem Rasen. Die Arme auf den Knien und der Blick traurig auf die Schuhe gerichtet. Ein paar Meter dahinter versteckt auch Czichos seine Tränen nicht und wird von Markus Anfang getröstet. Ducksch steht mitten auf dem Platz und guckt ins Leere, während um in herum Ordner werkeln und eine Absperrung aufbauen.

Natürlich war es erneut sehr enttäuschend, aber die Verarbeitung ging im Verhältnis wesentlich schneller vonstatten, da das Erreichen der Relegation mit und für Holstein der größte Erfolg der jüngeren Vereinsgeschichte war. Und richtig, wir haben damals direkt nach dem Spiel mit ein paar Jungs noch einige Zeit in der Kabine verbracht und das Spiel "begossen". Peitz darüber, wie sich sein zweiter Nichtaufstieg nach der Relegation mit dem KSC anfühlt.

Jeder der Jungs ist am Boden zerstört, das kann man nicht übersehen. Ich stehe zwischen Block H und dem Platz auf dem unsere Jungs reihenweise zu Boden sinken oder enttäuscht den Kopf schütteln. Selten war es so still auf dem Rasen und so laut hinter mir wie in diesem Moment. Die Enttäuschung der Spieler sucht man in den Blöcken vergebens. Der Gesang um mich herum wird immer euphorischer. Ich bekomme Gänsehaut. Was soll's, scheiß auf den Aufstieg! Geile Fans, geile Truppe, geiler Verein! Nur die KSV! Und wir schließen mit einem Zitat, das hervorragend die passende Sicht auf die Saison und Relegation schildert:


"Es war die gesamte Saison über atemberaubend, in diesem Stadion zu spielen. Mit unserer Leistung haben wir, glaube ich, jeden Kieler beeindruckt und überrascht. Fußball stand als Sportart zu diesem Zeitpunkt nicht so weit oben auf der Liste in Kiel – der Handball war immer überlegen. Dementsprechend war es umso schöner, dass wir die ganze Stadt mit unserer Leistung ein Stück weit in den Bann gezogen haben und begeistern konnten." Ducksch darüber, wie seine Gefühlswelt nach dem Spiel war.

Bildergalerie zum Relegationsrückspiel



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