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Spiel eins: Zu Besuch in der Werkstadt

Relegationsrückblick Teil 2/4 -


Auch in unseren stollenbespikten Herzen haben die Relegationsspiele 17/18 ein besonderes Fleckchen im KSV-Regal erhalten. Natürlich war auch Adebar damals als Zweimann-Vernichtungsmaschine in Wolfsburg an der Front. Einer war unten am Spielfeldrand damit beschäftigt Speicherplatz mit der Kamera zu vernichten, der andere oben im Block sorgte für die fußballfankorrekte Vernichtung von Bier und Hemmungen. Also eigentlich alles wie immer, aber irgendwie auch zehnmal geiler! Ein Grund mehr für Adebar noch mal auf die im Bierrausch zusammengekrakelten Notizen zu schauen und den Staub von den Fotofestplatten zu pusten. Außerdem haben wir uns mit den Helden dieser Relegation unterhalten und sie zu der einen oder anderen Szene befragt. Herausgekommen ist ein Erlebnisbericht, jede Menge Zitate und ein ganzer Arsch voll geiler Momentaufnahmen. Viel Spaß damit!


Die Sonne auf meiner Haut ist warm, das Bier in meiner Hand kalt. Ich nehme einen tiefen Schluck aus einem Becher, auf dem mich ein Wolf angriffslustig anknurrt. „Zeit was zu reißen“ steht in grünen Buchstaben über dem Problemtier geschrieben. ich muss unwillkürlich lächeln. „Oh Wolfsburg“, säusele ich leise in die frühabendliche Sommerluft. Was soll ich zu dir nur sagen? Wie kann ich dich beschreiben? Mailand am Mittellandkanal, New York von Niedersachsen oder Athen an der A39… Das alles wäre gelogen. Denn dafür bist du leider zu langweilig. Ein Haufen lieblos zusammengeworfener Wohneinheiten rund um eine, zugegebenermaßen nicht kleine Firma. Aber hübsch und aufregend ist anders. Sorry! Versteh' mich nicht falsch. Kiel ist auch keine architektonische Perle unseren Landes. Beweisstück A: Unser Holstein-Stadion. Aber wir haben weiße Strände, können mit dem Boot zur Arbeit fahren und frischen Fisch direkt vom Kutter kaufen. 1:0 Kiel würd ich sagen. Außerdem kennen alle Spieler in unserem Kader den VfL Wolfsburg und wissen, wer der Gegner ist. Auch schon vor der Relegation.


"Ich habe das damals nur am Rande mitbekommen. Und ich habe mir ehrlich gesagt nichts dabei gedacht. Wir haben uns in der Mannschaft nicht viel daraus gemacht, ob etwas, und wenn ja was, aus Wolfsburg kommt. Unser Fokus lag voll auf uns." Kinsombi darüber, dass Divock Origi die Kieler Störche nicht kannte.

Aber fairerweise muss man sagen, dass ich nicht hier bin, um Sightseeing zu machen oder den Charme einer Schornsteinmetropole zu genießen. Ich bin hier wegen etwas, dass die Welt verändern kann. Etwas, das Frieden und Liebe zu den Menschen bringt. Etwas, das Blinde wieder sehen und Gebrechliche wieder hüpfen lässt. Etwas, das größer ist als Trumps Ego oder Kim-Jongs Raketen. Ich bin hier für FUSSBALL! „Holstein!“ Der Schrei holt mich aus meinen Tagträumen. Mein Brother in Crime Chris steht vor mir. Er hält zwei volle Bier in den Händen. Ich leere den Becher in meiner Hand und greife nach einem der beiden neuen flüssigen Kollegen. „Nix! Du bekommst erst wieder nachm Spiel Alkohol. Sonst sehe ich schwarz für gutes Bildmaterial am heutigen Abend“, sagt er ernst. Ich schnaube verächtlich aus. „Ich habe schon mit zwei Promille das Cover vom Rolling Stone fotografiert, da bist du noch nackt um Weihnachtsbaum gelaufen“, antworte ich kühl. „Also letztes Jahr oder was? Aber lass uns mal rein, die Horde setzt sich in Bewegung und ich muss noch durch die Kontrollen und in den Block“, sagt Chris. Ich nicke zustimmend. Wie es sich gehört, kommt der Pöbel in den Block und der Künstler an die Bande. Wir prosten uns noch einmal zu, dann trennen sich unsere Wege.


Einige Minuten später stehe ich adrett gekleidet auf dem Grün der Volkswagen-Arena. Nichts steht einem blondgelockten Norddeutschen besser als eine XXXL-Weste in freundlichem Mausgrau mit dem Logo der DFL auf der Brust. Aber für Modefragen habe ich aktuell keinen Kopf. Wenige Meter neben mir erstrahlt eine Lichtgestalt. Ob es sein Heldenmythos oder einfach das Flutlicht ist, welches von seiner Glatze reflektiert, kann ich nicht sagen, aber ER ist es. PH19, Herrmicules, San Patrick oder einfach Patrick Herrmann Fussballgott. Schnell ein paar Fotos beim Warmmachen vom Helden gemacht und dann geht der Streifzug weiter. Irgendwo hier muss doch der schöne Bruno stecken…


Ich schrecke kurz auf, denn jetzt dröhnt laute Musik durchs offene Rund und die Spieler betreten den Rasen. Czichos trägt die Binde vorneweg, Dome küsst seinen rechten Unterarm, Schindler schaut gedankenverloren nach oben, Herrmann gelangweilt nach vorne. Ich bewege mich hinter das Tor der Wolfsburger zu den anderen Holstein-Fotografen. Rechts hinter mir brüllen 3000 Kieler „Holstein Kiel!“. Gänsehaut. Schnell mit der Kamera ein paar Bilder vom roten Block gemacht. Ich schaue auf mein Kameradisplay und lege die Stirn in Falten. Ist das Manuel Schäffler da im Block? Bestimmt nicht. Egal. Anpfiff! Bis zu diesem Moment war ich eigentlich entspannt und cool drauf. Was soll schon passieren? Wir können doch nur gewinnen! Jetzt spüre ich meinen Herzschlag hämmern.


"Er hat uns grundlegend so eingestellt, unser Ding durchzuziehen. Wir sollten das anwenden, was wir die ganze Zeit in der zweiten Liga erfolgreich gemacht haben: Unser Spiel spielen – auch gegen Wolfsburg!" Herrmann darüber, wie Markus Anfang die Truppe taktisch eingestellt hat.

Holstein spielt wie schon die ganze Saison. Mit offenem Visier und gezogenem Schwert. Ob das gegen die deutlich abgezockteren Wolfsburger lange gut geht? Mein Herzschlag und das unruhige Flackern meines Augenliedes lassen was anderes erahnen. Leider behalten die beiden schnell recht. Trotz mutigem und gutem Start ist das 1:0 ein munterer Haufen an Nachlässigkeit bei unseren Jungs. Glücklicherweise stehe ich auf der anderen Seite des Spielfelds und muss mir das erst später in der Zusammenfassung genau anschauen. Unnötiger Fehlpass, Knoche dribbelt viel zu leicht durch drei Mann durch. Malli - ebenfalls gegen drei Holsteiner - geht direkt in den Strafraum und dort herrscht dann aufgrund dieser Szenen Kuddelmuddel. Kenny hält den ersten Schuss stark, aber Origi steht leider goldrichtig und bimst in rein. 13 Minuten, 1:0 für die Werkstatt-Jungs. Scheiße!


"Viele Verteidiger in der 1. Liga spielen einfach seit Jahren schon auf allerhöchstem Niveau, sind daher vielleicht ein Stück abgezockter und haben in der Spitze mehr Qualität als die der 2. Liga." Ducksch darüber, warum es gegen Brooks und Knoche schwieriger ist als gegen Zweitligaverteidiger.

Die nächsten Minuten laufe ich verwirrt und irgendwie plan- und kopflos hinterm Tor auf und ab. Das Spiel läuft ein bisschen wie im Nebel für mich ab. Gott, wie gerne ich jetzt ein Bier zur Beruhigung hätte! Dann aber denkt sich Drexler: „Was Maradona, Pele, Beckenbauer, Messi und so können, das bekomme ich doch wohl auch hin.“ Unsere Nummer 24 treibt die Kugel links vom Tor parallel zur Torlinie in Richtung Tor. Vernascht zwei Gegenspieler, als wären sie Haribo-Goldbären, und sieht dann Ducksch und Schindler in der Mitte. Die Tormaschine wird von dem wandelten Berg Brooks erfolgreich abgegrätscht. Schindler hingegen hält seinen orange beschuhten Fuß hin und es klingelt! 1:1! YEEEEAAAH! Woran man merkt, dass der Fotograf nicht nur beruflich am Spielfeldrand ist? Wenn er kein einziges Foto vom Tor hat, sondern erst am Ende des Torjubels wieder aus seiner Schockstarre erwacht ist. Gott, wie gerne ich jetzt ein Bier zum feiern hätte!

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Mit dem Unentschieden in die Halbzeit wäre so wichtig. Aber leider ist der Fussball kein Ponyhof und auch unser Eisen-Dome entscheidet sich mal falsch. 40-Meter-Pass von Knoche in unseren Strafraum. Dome Schmidt geht hoch und trifft den Ball nicht so wie gewollt. Die Pille landet an der Strafraumgrenze, wo Brekalo mit Wucht angefeuert kommt und die Pille unhaltbar über Kennys Fingerspitzen in die Maschen hämmert. 2:1, fünf Minuten vor der Halbzeit. Scheiße Teil zwei.


"Ich sehe den Ball erst spät, aber ich bin dran. Meine Einstellung ist immer: Wenn man dran ist, dann halte auch den scheiß Ball." Kronholm ärgert sich noch heute über diesen Treffer.

Die zweite Halbzeit geht weiter, wie die ersten aufgehört hat. Mit lustigem Stellungsspiel und unglücklich agierenden Holsteinern. 3:1 für Wolfsburg in der 56. Minute. Malli, dem man so deutlich ansieht, dass er technisch gesehen locker drei Klassen besser ist als jeder andere Spieler auf dem Platz, umkurvt Kenny und schiebt locker ein nach starker Vorarbeit vom zukünftigen Champions League Sieger Origi. Die Trilogie ist vollendet - Scheiße! Bis zur 70. Minute fühlt sich meine Kamera merkwürdig schwer an. Dann aber ändert sich irgendetwas. Man kann es nicht richtig beschreiben, aber auf einmal wird es merklich leiser im Stadion. Die Kieler Fans dagegen immer lauter. Und auch auf dem Platz ist es zu spüren. Plötzlich wird aggressiv gepresst und Wolfsburg beginnt das Flattern zu kriegen. Direkt vor mir geht Schindler auf den ballführenden Brooks los. „Keinen Meter! Lass ihm keinen Meter!“, schreit Dome Schmidt ihn an und kommt zur Hilfe. Der Ball wird vom jungen Wolfsburger blind nach vorne gedroschen und landet im Aus. Kapitän Maxi Arnold brüllt: „Konzentriert euch!“ Und wieder habe ich Gänsehaut. Hier geht noch was, das spüre nicht nur ich.


"Ich habe ehrlich gesagt gar keinen Unterschied gemerkt. Ich würde sogar so weit gehen und sagen, dass in Kiel die Stimmung besser war." Weilandt darüber, ob die Atmosphäre in einem größeren Stadion Einfluss auf die Spieler hatte.

In den nächsten zwanzig Minuten sollte ich mir so oft die Haare raufen, dass am Ende des Spiels aus der prallen Haarpracht nur noch ein modischer Kurzhaarschnitt bleibt. 71. Minute: Drexler flankt stark, Dukcksch lässt noch stärker durch, Mühling hämmert den Ball freistehend 5 Zentimeter am rechten Pfosten vorbei. 75. Minute: Aaron - Hightower - Seydel propellert sich nach oben und köpft den Ball in einer fast perfekten Bogenlampe nur knapp hinters Tor. Wenige Augenblicke später köpft Schmidt und dann schießt Kinsombi den verdammten Ball ebenfalls nicht ins, sondern übers Tor. Nackte Panik spiegelt sich in den Augen der Fans in der mittlerweile mucksmäuschenstillen Wolfsburger Kurve hinter mir. Zu Recht! Unsere Jungs wirken so, als hätten sie in der Halbzeit jeder vier Liter Kaffee getrunken und die Schlachtansprache von Mel Gibson aus Braveheart geschaut. Die Wirkung brauchte dann etwas, aber dafür kommt sie jetzt um so brachialer. 82. Minute: Das muss es doch sein! Mühling passt in den Strafraum. Drei Kieler frei. Der Duckscher nimmt ihn an und schließt weltklasse in einer flüssigen Bewegung ab. Schönheit ist zum Sterben da, daher nimmt er die Pike. Aber der verf… Ball zischt am Tor vorbei. Ich sacke hinter der Bande zusammen. „Das kann doch nicht sein“, brülle ich laut! Keine zwei Minuten später die nächste 100%ige. Seydel frei an fast der selben Stelle wie eben Ducksch. Leider reagiert er etwas zu langsam, wo Ducksch eben zu schnell war. Auch dieser Ball zischt links vorbei.


"Mir wäre egal gewesen, ob ich dabei treffe oder eben nicht. Ich hätte mir einfach sehr gewünscht, dass wir aufsteigen. Und na klar: Vielleicht hätte die Relegation einen anderen Verlauf genommen, wenn ich damals ein Tor gemacht hätte - wir wissen es nicht." Ducksch darüber, wie groß sein Ärger war, nicht getroffen zu haben.

Dann wird das Stadion noch einmal laut. Luftkampf von Arnold gegen Czichos im Strafraum. Leichter Schubser von hinten im Kampf der Kapitäne. Die Pfeife von Schiedsrichter Aytekin bleibt im Gegensatz zum Kieler Block stumm. Ich überlege kurz, ob ich vor Wut in meine Kamera beiße. Aber die Entscheidung geht irgendwie in Ordnung. Klassische Grauzone. Hätte es Elfmeter gegeben, wäre das okay gewesen. Dass es ihn nicht gab, geht aber auch irgendwie in Ordnung. Ist halt ein Kontaktsport. Aber auch einen Grauzonenelfer hätte ich gerne genommen. Obwohl der wahrscheinlich knapp vorbei gezogen wäre, egal wer geschossen hätte. Fünf Nachspielminuten und die letzten ausgerupften Haare später fliegt kein Ball, sondern der Abpfiff durch die Volkswagen Arena. 3:1 steht auf der Anzeigentafel. Wie hieß es ein paar Zeilen weiter oben so treffend: Scheiße! Scheiße! Scheiße!


Vor mir fallen sich die Wolfsburger Spieler in die Arme und die Kieler auf den Boden. Das Stadion wird wieder laut und hinter mir erwachen die Wolfsburger Fanreihen aus ihrer Angststarre. Lautes Getöse brandet aber nicht nur aus dem Wolfsburger Lager nach unten auf den Platz. Je dichter ich auf den roten Block zuschreite, desto mehr nehme ich wahr, dass auch dort lauthals angefeuert wird. Markus Anfang rennt noch, bevor er zur üblichen Interviewfolter geschleift wird, über den Platz und steht mit beiden erhobenen Daumen vor der Kurve. 3000 Kieler brüllen seinen Namen. Er schlägt sich auf die Brust und ballt die Faust. Jeder erkennt, dass das Ding für ihn noch lange nicht durch ist.


Nach dem Abpfiff stehe ich draußen an die Stadionmauer gelehnt und schaue ein wenig bedröpelt ins Nichts. Ich warte auf Chris, der noch im Block festhängt. Neben mir stehen zwei Ordner und analysieren das Spiel. „Sieht doch gut aus“, sagt der eine. „Na ja, ganz okay würde ich sagen. Mehr nicht“, lautet die Antwort. „Unsere Jungs haben ein gutes Spiel gemacht, aber Holstein höchstens ein durchschnittliches.“ „Ja und?“ „Wenn im Rückspiel das passiert, was die ganze Saison passiert ist. Dann besteht die große Chance, dass Wolfsburg das noch versaut. Holstein ist als ziemliche Tormaschine bekannt, davon haben wir heute nichts gesehen trotz einiger fetter Chancen. Glücklicherweise. Eine starke Aktion zu Spielbeginn von Holstein und unsere Grün-Weißen machen sich wieder die Hosen voll und schwimmen wie ein Mafiaspitzel mit schwerem Schuhwerk. Dann brennt beim VfL der Baum, das verspreche ich dir. Und dann ist ein 2:0 alles andere als unmöglich für Kiel.“ Ich lege meinen Kopf schräg und gehe die Chancen für das Rückspiel auch noch einmal durch. Der dunkel orakelnde Ordner hat vollkommen Recht. Klar war Wolfsburg besser, aber das lag auch zum größten Teil an der Abgezocktheit und der technischen Überlegenheit des Bundesligisten. Bei denen war nicht mehr viel Luft nach oben, nach unten aber sehr wohl. Bei uns war es eher umgekehrt. Ich korrigierte meine zusammengefallene Körperhaltung und straffte mich etwas. Es wurde Zeit an die Förde zurückzukehren und Wolfsburg zu zeigen wo der Frosch die Locken hat. Aber erstmal stand noch etwas ganz anderes wichtigeres auf dem To-Do-Zettel. Hier irgendwo war doch eine Bierbude!


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