• Chris

Marlon Krause über Knorpel, Kampf und Kiel

Diese Länderspielpausen nerven Adebar unendlich, deswegen haben wir uns überlegt, wie wir die aktuelle am besten nutzen. Und da wir immer liebend gerne mit Leuten schnacken, die die blau-weiß-roten Farben getragen und verteidigt haben, haben wir mal bei jemanden angefragt, der im Verteidigen immer sehr gut war: Holsteins ehemalige Nr. 13 und Ex-Captain Marlon Krause.

Vier Jahre trug er das Störche-Trikot, ehe es ihn 2016 zum selbsternannten "Dorfklub" nach Großaspach verschlug. Von dort aus ging es nach Saarbrücken, wo er im Frühling dieses Jahres leider seine Sportinvalidität verkünden musste. Den Kreuzbandrissen folgte ein Knorpelschaden und das war dann leider zu viel für den Defensiv-Mann, bei dem die Vernunft siegte und die Gesundheit Vorrang hat.


Moin Marlon, wie geht es Dir so rund ein halbes Jahr nach Deinem Karriereende?

Mir geht es super und ich bin sehr glücklich momentan.


Im April 2018 wurde bei Dir ein Knorpelschaden diagnostiziert. Anfangs hast Du Dich am Comeback versucht. Doch nach gut einem Jahr hast Du den Entschluss gefasst, Deine Fußballschuhe an den Nagel zu hängen und die Sportinvalidität zu akzeptieren. Wie verlief diese Entscheidungsfindung?

Beim damaligen Spiel in Stuttgart habe ich sofort gemerkt, dass etwas mit dem Knie passiert ist. Ich hatte ja schon Erfahrung, sage ich mal so. (lacht) Im MRT wurde festgestellt, dass es nicht gut aussieht. Dann habe ich die Verantwortlichen vom 1. FC Saarbrücken darum gebeten, dass ich mich in Kiel von Holsteins Mannschaftsarzt Dr. Klostermeier, zu dem ich riesiges Vertrauen habe, behandeln lassen darf. Das haben sie erlaubt und ich habe mich von ihm operieren lassen – das vierte Mal am Knie. Anschließend habe ich auch meine Reha hier gemacht. Mein Knorpel wurde komplett gemacht, das heißt, dass ich nicht den gleichen Reha-Verlauf hatte wie bei meinen vorherigen Kreuzbandrissen.


Inwiefern haben sich die Verläufe denn unterscheiden?

Nach den Kreuzbandrissen ging es halt gleich steil bergauf. Nach dem Knorpelschaden jetzt war es eine Achterbahnfahrt. Das hat mich teilweise zurückgeworfen und für schlechte Laune gesorgt. Es hat wirklich lange gedauert, ehe mich zu der Entscheidung durchringen konnte. Denn mal ging es aufwärts und ich habe gedacht, vielleicht kann ich doch noch mal gegen den Ball treten. Doch dann lief es wieder schlecht. Ich habe sehr viele Gespräche mit Dr. Klostermeier und auch Timm Sörensen, den ich immer mit einbezogen habe, geführt. Beide haben mir halt dazu geraten aufzuhören, wenn ich mich halt im Alltag – soweit es geht – schmerzfrei bewegen möchte. Und im April dieses Jahres habe ich dann eben gesagt, dass Schluss ist.


Du hast es eben schon angedeutet: Du hattest bereits zwei Kreuzbandrisse im Holstein-Trikot. Den zweiten im August 2015 in Osnabrück. Das war gleichzeitig auch Dein letztes Spiel für die Störche. Kann man das quasi als Vorstufe zu der Sportinvalidität sehen?

Ja, ich denke schon. Wenn man sich halt zwei Mal das Kreuzband reißt – und beim zweiten Mal war ja auch ein bisschen mehr kaputt –, ist es schon schwierig, wieder vernünftig auf die Beine zu kommen. Man sieht es ja immer wieder im Profigeschäft. Viele kehren zwar immer wieder zurück, aber erleiden dann auch immer wieder Knieverletzungen.


Holger Badstuber ist da ja sicher auch so ein Beispiel.

Es gibt immer Begleiterscheinungen. Dann geschieht da noch eine Verletzung oder wie bei mir jetzt mit dem Knorpelschaden, fliegt einem noch mal alles um die Ohren – das dritte Mal. Man muss eben auf seine Gesundheit achten. Wenn ich sehe, wie ein Badstuber über den Platz läuft und wie er geht, so möchte ich halt nicht mit Mitte 30 gehen.


Versucht man denn als Drittligaspieler, der vielleicht ordentlich verdient hat, aber nicht so, dass man schon alle Schäfchen im Trockenen hat, gleichzeitig auch anders abzusichern oder hast Du vor Deiner Karriere schon was gemacht?

Das Gute war, dass ich damals eine Ausbildung beim Otto-Versand als Groß- und Außenhandelskaufmann absolviert habe. Das war die Prämisse meiner Eltern: Entweder machst du dein Abi zu Ende oder du machst eine Ausbildung. Ich habe die elfte Klasse zu Ende gemacht und bin dann von der Schule abgegangen. Ich hatte gar keine Lust, noch zwei Jahre lang weiter zur Schule zu gehen, weil ich eben das Ziel hatte, Profifußballer zu werden. Dann habe ich meine Ausbildung gemacht und nebenbei bei St. Pauli gespielt. Also hatte ich schon gut vorgesorgt für meine Karriere danach.


Als die Verkündung Deiner Sportinvalidität an die Presse ging, war zu lesen, dass Du den Plan verfolgst, ein Fernstudium in Richtung BWL beziehungsweise International Management anzugehen. Hast Du das auch in Angriff genommen?

Ja, genau. Ich mache meinen Betriebswirt im Internationalen Management und nebenbei arbeite ich zurzeit im CITTI Park.


Ist diese betriebswirtschaftliche Nummer vielleicht auch etwas, mit der Du wieder Stoßrichtung Fußball marschieren kannst oder willst?

Eher nein. Ich habe viel überlegt, aber es tut auch mal gut, vom Fußball weg zu sein. Ob es auf Dauer so bleiben wird, weiß ich jetzt nicht. Natürlich vermisse ich den Fußball, aber noch nicht so sehr, dass ich sage, ich muss unbedingt wieder in das Fußballgeschäft zurück.


Das heißt ein Managerposten oder auch das Traineramt könnten interessant für Dich werden, sind aktuell aber noch in weiterer Ferne, richtig?

Das könnte kommen, aber es steht jetzt nicht aktuell auf der Liste. Allerdings habe ich schon angefangen, meinen Trainerschein zu machen. Ich bin gerade bei der B-Lizenz.


Du bist jetzt wieder in Kiel gelandet. Warum hat es Dich wieder hierher zurückgetrieben?

Meine Frau ist halt Kielerin. Ich habe sie damals hier kennengelernt und es hat mir auch sehr gut in Kiel gefallen. Sportlich ist es meine erfolgreichste Zeit gewesen und ich habe auch viele Freunde hier gefunden. Und als gebürtiger Hamburger ist es für mich eben auch nicht weit in die Heimat.


Ist denn gar nicht der Wunsch da gewesen, wieder nach Hamburg zurückzukehren?

Nein, dafür hat es mir einfach zu gut hier gefallen, seitdem ich im Sommer 2012 in Kiel gelandet bin. Ich sage immer, Kiel ist ein kleines Hamburg. Es ist genauso schön und Autofahren nervt hier im Moment auch extrem. (lacht) Außerdem wollen wir auch bauen und ehrlich gesagt, ist das in Hamburg einfach zu teuer.


Keine Frage, als Hamburger betrachtet man Kiel als Kleinstadt. Nun bist Du von Holstein nach Großaspach gewechselt und hast beim selbsternannten „Dorfklub“ gespielt. Sieht man danach Kiel wieder als Großstadt?

(lacht) Natürlich tut man das. Davon mal ab, hat Kiel ja aber sowieso massig zu bieten, du bist direkt am Wasser und eigentlich müsste man im Sommer nicht mal in den Urlaub fahren.


Gehört denn das Holstein-Stadion auch zu Deinen Lieblingsplätzen in Kiel, an denen man Dich häufiger Mal findet?

Ab und zu bin ich mal da. Aber ehrlich gesagt, möchte ich das Wochenende mit meiner Familie verbringen. Ich arbeite jetzt ganz normal unter der Woche, da freut man sich am Wochenende auf Frau und Kind. Aber natürlich verfolge ich das Team, wenn auch dann eher vorm Fernseher.


Verfolgst Du das Ganze auch mit einer gewissen Holstein-Leidenschaft, die Du vielleicht noch in Dir trägst? Man wird ja nicht zwangsläufig Fan von dem Verein, bei dem man gespielt hat?

Der Verein ist mir echt ans Herz gewachsen, weil ich sportlich gesehen meine schönste Zeit eben hier bei Holstein hatte. Mich freut es, wenn sie gewinnen, mich ärgert es, wenn sie verlieren. Wenn ich sehe, dass ein Spieler Mist gemacht hat, dann ärgere ich mich auch darüber, weil ich eben auch für diesen Verein gespielt habe. Ich fiebere ganz klar mit.


Du hattest als Kapitän eine gewichtige Position im Team. Beurteilt man daher auch automatisch, wie die Nachfolger diese Aufgabe so erfüllen?

Nee! Also, bei Hauke ist das eben witzig, weil er neben mir gespielt hat, als er frisch aus der Jugend kam. Er war damals ein ganz, ganz Ruhiger. Das war nicht unbedingt absehbar, dass er mal Mannschaftskapitän werden würde. Daher freut mich das richtig für ihn. Ich denke, dass ihm die Vereinswechsel gut getan haben – mal von zu Hause und dem gewohnten Umfeld weg. Das lässt einen reifen. Das sieht man jetzt auch auf dem Platz: Er geht voran und übernimmt Verantwortung.


Wen kennst Du eigentlich noch aus dem aktuellen Kader?

Ich habe nur mit Hauke, Dome Schmidt und Siedo sowie Co-Trainer Patrick Kohlmann zusammen gespielt. Sonst sind alle weg. Vom Staff kenne ich natürlich noch einige: Athletik-Trainer Timm Sörensen, den Physio Basti Süß oder auch Tim Petersen, den Betreuer.


Und zu welchen ehemaligen Teamkollegen ist denn bis heute der Kontakt geblieben?

Mit Tim Siedschlag habe ich mich von der ersten Minute an super verstanden, das ist eine richtige Freundschaft geworden. Bei Fabian Wetter ist es genau das Gleiche, mit Patrick Kohlmann treffe ich mich immer noch regelmäßig und mit Rafael Kazior telefoniere ich halt noch. Auch zu Cheffe habe ich noch Kontakt. Bei den meisten anderen ist es halt so, wenn man sich sieht, dann schnackt man miteinander. Aber es ist eben auch so, dass man von 25 Leuten aus dem Kader, mit denen man zusammenspielt, nicht mit zehn super befreundet sein kann.


Freut man sich auch, wenn man Manuel Schäffler jetzt so im Fernsehen sieht und dass er da einen nach dem anderen knipst?

Klar! Gerade wenn er wieder ein Tor gemacht hat, dann schreibt man ihm auch schnell mal. Das freut mich wirklich, denn Cheffe hat es sich echt hart erarbeitet. Was ich immer sehr, sehr schade fand, war, dass ihn viele, als er bei Holstein gespielt hat, beschimpft haben und jetzt zeigt er allen, was er kann.


Ich sage ganz ehrlich, gerade in seiner Anfangszeit in Kiel, gehörte ich auch zu denjenigen, die über ihn gemeckert haben. Erstens habe ich damals nicht verstanden, weshalb man ihn geholt hat – seine vorherige Stürmerbilanz war sicher nicht blendend –, und zweitens war er anfangs hier auch einfach uneffektiv.

Er hat aber eben auch viel gearbeitet und gekämpft. Und das genau ist eben auch die Mentalität von Wehen Wiesbaden: laufen und kämpfen. Das hat Cheffe hier gemacht und das macht er dort und vor allem: Das macht er eben auch echt gut.


Wollen wir mal sehen, wie Cheffe das Samstag gegen Holstein so macht. Mit dem Aufstieg ist er auf jeden Fall noch mal besser geworden. Vielleicht kann man ihn da auch ganz gut mit Patrick Herrmann vergleichen. Bei dem war es ja auch so, dass er mit den Aufstiegen immer gewachsen ist. Die Meisten fragten sich, ob das eine Liga höher noch für ihn reicht, und immer hat er es damit geantwortet, dass er gut gespielt hat.

Das Ding bei Herrmi ist einfach: Man kann schimpfen, dass der Ball mal wegspringt, dass die Flanken hinters Tor gehen, aber was er immer gemacht hat und was gerade in diesen Ligen – vierte bis zweite Liga – so wichtig ist: Laufen, und Kämpfen. Dafür ist er das Paradebeispiel.


Wo wir über Deine alten Mannschaftskameraden reden, mal eine hypothetische Frage: Wenn das 2015 mit der Relegation nicht in die Hose gegangen wäre, hättest Du Dir damals auch die Zweite Liga so locker zugetraut?

Definitiv! Also, ich weiß, dass in mir sehr, sehr viel Potenzial steckt und das hätte ich mir auf jeden Fall zugetraut.


Glaubst Du auch, dass Euer damaliges Team unter Karsten Neitzel dafür bereit gewesen wäre?

Ja. Wir waren damals eine brutal intakte Mannschaft. Jeder ist für den anderen in die Bresche gesprungen, wenn der mal einen schlechten Tag hatte. Da war jeder für einen da. Und ich glaube einfach, dass, wenn die Mannschaft so zusammengeblieben wäre und wir aufgestiegen wären, dass wir auch auf jeden Fall nicht abgestiegen wären. Ob wir dann auch so eine super Saison gespielt hätten, dass man fast wieder aufsteigt, das weiß ich nicht. Aber ich bin mir sicher, dass wir das auf jeden Fall geschafft hätten, weil so viel Mentalität in der Mannschaft steckte.


Trotzdem gab es im Anschluss ja aber erst mal einen gehörigen Knick nach unten. Also, das erste Spiel ging zu Hause schon direkt mit 0:4 gegen Mainz' Zweite verloren. Hängt so was unmittelbar mit einer verpatzten Relegation zusammen oder ist so was dummer Zufall?

Ich glaube nicht, dass das zusammenhing. Das Leben geht immer weiter und man muss auch das Positive daraus ziehen. Auch aus negativen Erlebnissen kann man etwas Positives gewinnen. Die ersten Tage danach – gerade wenn man darauf angesprochen wurde – hat das schon an einem genagt. Man hatte das Ziel so nah vor Augen. Aber spätestens am Trainingsauftakt hatte man das wieder vergessen.


Und wie bewertest Du die aktuelle Situation? Mittlerweile hat es sich ja wieder ein bisschen eingependelt. Aber gerade zu Saisonbeginn wurde ja schon hier und da die Gefahr gesehen, dass es ganz, ganz schwierig wird.

Wie Du schon sagst, der Start war schlecht. Holstein hat keinen guten Fußball gespielt und auch die anderen Sachen, auf die es ankommt, wenn man keinen guten Tag hat, haben sie nicht gemacht. Ich glaube aber, dass sie mit Ole Werner jetzt einen guten Trainer haben, einen jungen Trainer, einen hungrigen Trainer. Man sieht auch an den Ergebnissen, dass es wieder ganz gut läuft. Jetzt gegen den HSV lief es sehr, sehr ärgerlich. Aber da kann ein Trainer auch nichts machen…


[Marlons Telefon klingelt. Ein Nachbar erkundigt sich, ob es okay ist, etwas auf seiner Terrasse abzustrellen. Denn es könnte ja noch regnen und das Ganze nass werden. Marlon antwortet in Meeno Schrader-Manier: Das regnet heute nicht mehr, viel zu windig.]


Sorry! Wo waren wir? Genau, mit Ole haben sie das Richtige gemacht. Man hat schon bei der zweiten Mannschaft gesehen, dass er einen klaren Plan hat, wie er seine Mannschaft Fußball spielen lassen will. Er geht mit den Spielern vernünftig um und das merkt man meiner Meinung nach sehr schnell.


Abschließend noch eine Frage: Was war für Dich eigentlich Dein schönster Moment im Holstein-Trikot?

Das Spiel bei 1860 München.


Trotz der Niederlage?

Ja, das Spiel war trotzdem der Wahnsinn. Das Stadion war voll, die letzten Minuten ist man nur noch gelaufen, die Ohren haben gedröhnt, weil das Stadion so laut war. Das war halt trotzdem geil, auch wenn man das Spiel verloren hat.


Das ist ja aber auch genau das, was Du vorher gesagt hast: Man soll aus allem das Beste herausziehen.

Ja, ist halt so. (lacht)


Für Adebar war es auf jeden Fall ein tolles Interview. Danke, dass Du Dir die Zeit genommen hast und auf das, dass Du noch oft mit deinem Jungen kicken kannst!


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