• Chris

Kiel Ahoi - HSV und Kinsombi steuern die Förde an

Man muss nicht lange überlegen, wenn es darum geht, welcher Spieler vor dem Schleswig-Holstein-Hamburg-Derby besonders gefragt sein könnte. Bei Jeopardy wäre die Antwort "David Kinsombi" aufgrund der Einfachheit sicher nur in der Kategorie "Ex-Störche - für 100" eingeordnet gewesen. Aufgrund zahlreicher Interview-Anfragen für unseren ehemaligen Kapitän veranstaltete der HSV eine kleine Fragerunde mit ihm. Das hat sich Adebar nicht nehmen lassen und wollte mal hören, was der David von dem Liga-Goliath so in Bezug auf seine Rückkehr zu erzählen hat.


"Ich habe in Kiel zwei schöne Jahre erlebt", ist der erste erwartbare Satz Kinsombis zu dem Thema. Bei seiner kurzen Beschreibung der zwei Jahre nutzt er das Attribut 'turbulent'. Durchaus passend, wenn man innerhalb von 24 Monaten nach seinem Wechsel zu einem Zweitligaaufsteiger den direkten Durchmarsch in der Relegation verpasst, den Erfolgstrainer verabschieden muss und wichtiger Baustein des fälligen Kaderumbruchs ist, zum Kapitän wird, einen Schienbeinbruch erleidet, verletzt seinen Wechsel zu einem benachbarten Traditionsverein bekannt gibt und am Ende bei seiner Verabschiedung - trotz der Verdienste - einem Pfeifkonzert von den Rängen lauschen muss. Und trotzdem sagt er mit durch aus hörbarer Vorfreude: "Es wird schön sein, dorthin zurückzukehren."


Auch in Hamburg ist den Journalisten die besondere Atmosphäre, die in unserer kleinen Muggelbude Holstein-Stadion aufkommen kann, nicht verborgen geblieben. Aber die Frage, ob es denn gerade unter Flutlicht noch besonderer sei, verursachte einzelnes Stirnrunzeln. Als dann geklärt war, dass ja am Samstag - also mittags um 13 Uhr - und eben nicht unter Flutlichtatmosphäre gespielt wird, konnte es dann auch weitergehen. Für David Kinsombi bleibt es auch so oder so definitiv ein besonderes Spiel. "Ich weiß aus meiner Erfahrung, dass die ganze Stadt und das ganze Umfeld sehr, sehr gespannt auf das Spiel waren und das es ein großes Kribbeln war", so der Mittelfeldmann über das letztjährige Heimspiel. Und an dieser Spannung und dem Kribbeln hat sich vor der Neuauflage 2019 nichts geändert.


Im Pokal ist der HSV gegen den VfB Stuttgart rausgeflogen, in der Liga musste man beim Schlusslicht Wehen WIesbaden in der Nachspielzeit den Ausgleich schlucken. Wie viel Einfluss diese beiden Enttäuschungen auf die anstehende Partie in Kiel noch haben könnten? Laut Kinsombi gar keinen. "Am Samstag kommt eine neue Aufgabe auf uns zu, auf die wir fokussiert sind. Wir konzentrieren uns auf den Gegner", so der gebürtige Hesse. "Denn was vergangen ist, ist vergangen." Ein korrekter Ausspruch. Ob sich das letzten Endes trotz der erwähnten Freude auf die Rückkehr vielleicht doch auch auf seine Kieler Gefühle zutrifft, fragt sich Adebar in dem Moment. Wirklich verwundern würde es wohl nicht. Immerhin ist er ja Fußballprofi. Und dann sagt er einen Satz, den jeder andere Spieler auch sagen würde: "Es geht darum in Kiel drei Punkte mitzunehmen, damit wir wieder einen Schritt nach vorne machen können."


Wer den Sportteil der MOPO aufgeschlagen oder zumindest auf deren Website rumgeklickt hat, konnte lesen, dass der Ex-Manager von beiden Teams, Ralf Becker, rät, dass man sich beim Auswärtsspiel in Kiel schmutzig machen muss, wenn man hier was reißen will. Nun kennt David Kinsombi das noch nicht, als Gegner im Holstein-Stadion anzutreten. Das einzige Mal, als er bisher gegen Holstein spielte, war das in der MDCC-Arena im Trikot des 1. FC Magdeburg. Aber natürlich weiß er aus Holsteiner Sicht, wie es war, den Gegner das Leben auf dem Holler schwer zu machen. "Ich denke, auch wenn die Kieler einen spielerischen Ansatz haben, dass sie das gepaart mit sehr viel Kampfgeist auch mit einem dreckigen Spiel verbinden. Und ich glaube, das ist für keinen Gegner einfach", ist Kinsombi überzeugt. Und Adebar ist sich sicher, dass die Aussage 'dreckiges Spiel' in diesem Zusammenhang definitiv als Kompliment gemeint und zu werten ist.


"Wenn man ins Stadion kommt, ist es eine besondere Atmosphäre - drei Tribünen auf einer Höhe, eine viel höher als die anderen", geht David Kinsombi auf die optischen Gegebenheiten ein. Jeder Holsteiner weiß, dass das hier teilweise eben noch ein Stück weit mehr Sportplatz als Multifunktionsarena ist. Das ist natürlich auch den Profis bewusst, die sich lieber in eben jenen Hochglanzstadien tummeln. "Allein die Umstände sind nicht wie in jedem anderen Stadion. Und das muss man annehmen, gleichzeitig auch versuchen, das - so gut es geht - auszublenden, und sich voll und ganz auf den Fußball zu fokussieren", lautet der Tipp des HSVers.


Dann kam auch mal eine gute Frage aus der Runde, als ein Hamburger Journalist wissen wollte, was die Holsteiner Mannschaft im letzten Jahr so ausgemacht hat, als man den HSV im Dezember völlig verdient mit einer Niederlage Richtung Elbe schickte!? "Damals war es vor allem die Galligkeit, dem HSV ein Bein stellen zu können. Einfach als Mannschaft zu zeigen, was wir drauf haben", so die Antwort des damaligen Doppelpackers. Adebar glaubt, dass sich daran auch nichts geändert haben dürfte. In Kinsombis Augen sind es am Samstag allerdings etwas andere Voraussetzungen: "Ich denke, es ist ein bisschen eine andere Ausgangslage dieses Jahr. Allein die Tabellensituation ist unterschiedlicher als noch vergangenes Jahr." Auf den schlauen Hinweis aus der Presserunde, dass der HSV da ja gerade in seiner Siegesserie gestoppt wurde, erklärt Kinsombi noch etwas deutlicher: "Wir als Kieler hatten aber die Möglichkeit, den Anschluss zu finden. Das ist natürlich noch mal eine Extramotivation gewesen."


Klar, die KSV steht aktuell in der anderen Hälfte der Tabelle, aber Lust darauf, den HSV zu schlagen haben die Störche-Kicker ja wohl dennoch. Das stellt auch Kinsombi nicht infrage: "Auch dieses Mal werden die Jungs heiß sein. Ich habe vor ein paar Wochen mit dem einen oder anderen gesprochen und da haben sie auch schon durchblicken lassen, dass es für sie einfach ein besonderes Spiel, eben ein Highlight-Spiel ist." Doch er hält direkt dagegen: "Wir sind auch heiß. Wir wissen als HSV, dass wir auf eine besondere Atmosphäre treffen und wollen einfach ein geiles Spiel abliefern. Von der ersten bis zur neunzigsten Minute, mit allem was dazugehört. Ob es schöner Fußball sein wird, ob es ein kampfbetontes Spiel oder auch ein dreckiges Spiel sein wird, wir sind zu allem bereit."


Dass Kinsombi sich wohl gefühlt hat in der Kieler Truppe, steht außer Frage. Das Gefühl vermittelt er auch jetzt noch - trotz aller profihaften Plattitüden. Aber ist Holstein auch die Station gewesen, die ihn nach oben gebracht hat? "Für die Außenwahrnehmung von mir war das natürlich eine besondere Station. Aber ich habe auch in den Stationen davor, viel mitgenommen: Als 18jähriger Bursche wurde ich in Frankfurt in einen Kader voller Routiniers und abgezockten Spielern reingeworfen. Da kriegst du schon viel mit, kannst viel lernen. In Magdeburg war ich das erste Mal von zu Hause weg und habe dort in der 3. Liga ganz anderen Fußball gespielt - kampfbetont. Aus meinem Abstiegsjahr in Karlsruhe habe ich auch viel gelernt", geht Kinsombi noch mal seine anderen Stationen durch.


Die anschließende Frage, die Adebar nicht besser hätte stellen können, dreht sich darum, wie oft Kinsombi eigentlich noch in Kiel ist. Darauf seine ehrliche und irgendwie auch leicht enttäuschende Antwort: "Da muss ich mal überlegen, in letzter Zeit war ich... Nee, ich musste noch einmal zur Wohnungsübergabe hoch und ansonsten habe ich mich erst mal ein bisschen ferngehalten, weil ich hier (in Hamburg, Anm. d. Red.) einiges zu tun hatte, um anzukommen und einiges zu erkunden."


Apropos ankommen: So ganz hat der HSV-Neuzugang seinen Weg in die Stammelf ja noch nicht gefunden. In 42 Prozent der Spiele stand er in der Startformation und absolvierte 46 Prozent aller möglichen Spielminuten. Immerhin knipste er schon zweimal und bereitete ein Tor vor. Ein bisschen scheint er nach seiner schwerwiegenden Verletzung eben noch zu brauchen. "Das kommt alles mit den Spielen. Ich bin keiner, der da zu verbissen an die Sache herangeht. Aber ich bin natürlich heiß, meiner Mannschaft so viel wie möglich zu helfen", macht Kinsombi deutlich, um noch zu ergänzen: "Ich versuche, an allen Baustellen, die so eine Verletzung mit sich bringt, tagtäglich zu arbeiten."


Natürlich durfte eine Frage nicht fehlen! Sollte es passieren, dass er gegen seinen Ex-Klub trifft, würde er dann wohl jubeln?! Mit ein wenig verbaler Umschreibung fiel die Antwort am Ende dann jedoch deutlich aus: "Das muss jeder für sich selbst enscheiden. Aber ich denke, wenn man sich ein Trikot überstreift und mit den Jungs zusammen auf dem Platz ackert und dann letztendlich ein Tor schießt, dann soll es keinem verwehrt sein, sich darüber zu freuen." Was soll man sagen? Wo er Recht hat, hat er Recht - so ehrlich müssen wir sein. Aber gegebenenfalls kommt unser Ex ja auch gar nicht in die Bredouille, hier jubeln zu müssen. Adebar würde das sehr begrüßen!


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