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Adebars Gesprächsstoff: Interview mit Rafael Kazior

Aktualisiert: 26. Sept 2019

Sein Abschied hätte bitterer kaum sein können, doch seine Kieler Zeit war eine, auf die er sehr gerne zurückblickt. Nach insgesamt fünf Jahren Holstein Kiel verließ Rafael Kazior das Storchennest im Juni 2015. Und sein letztes Spiel war ausgerechnet dieser unsägliche Relegations-Kick im Münchner Raumschiff-Stadion gegen 1860. Ganz abgeschüttelt hat er die Erinnerung daran noch nicht, aber es war auch eine Erfahrung, aus der er gelernt hat und den Fußballsport liebt er natürlich immer noch. Mit Adebar hat Holsteins ehemaliger "Capitano" mal ein Pläuschchen gehalten.



Moin, Moin Rafael! Insgesamt fünf Jahre und 167 Pflichtspiele hast Du das Holstein-Trikot getragen. An welche Momente in dieser Zeit erinnerst Du

Dich am meisten?

Da kommen mir als Erstes die DFB-Pokal-Spiele 2011/12 in den Sinn. Meine erste Saison nach der Rückkehr, da haben wir noch in der Regionalliga gespielt. Der Aufstieg in die dritte Liga eine Saison später ist mir groß in Erinnerung geblieben. Tja, und was soll ich sagen? Natürlich fällt mir auch sofort die verlorene Relegation gegen 1860 ein. Die ist immer noch im Kopf. Auf jeden Fall war es eine schöne Zeit in Kiel. Es hat mir immer riesigen Spaß gemacht, das Holstein-Trikot überzuziehen.


Du bist vorher schon in der Saison 2006/07 für ein Jahr bei der KSV gewesen. Nach dem Abstieg in die Oberliga ging es nach Essen und über Hamburg wieder zurück nach Kiel. Wie kam es damals zu der Rückkehr?

Für mich war die Zeit reif, den HSV zu verlassen. Ich habe dort in der zweiten Mannschaft gespielt und wollte eben noch mal etwas höher angreifen. Der erste Kontakt zu Holstein kam damals über Jan Sandmann, der damals Co-Trainer war, zustande. Daraufhin kam es dann zu Gesprächen mit dem damaligen sportlichen Leiter Andreas Bornemann. Und die waren so gut, dass alles schnell geklappt hat und ich mich darauf freuen konnte, wieder zurückzukommen, um dann auch das eine Jahr, das mit dem Abstieg endete, wieder gutzumachen. Ich wollte zeigen, dass ich es besser kann.


Gab es damals denn auch andere Angebote oder war Holstein alternativlos?

Es gab Alternativen. Ich war damals Kapitän einer guten Nachwuchsmannschaft und selbst im besten Fußballalter. Da kamen durchaus immer mal Anfragen rein. Aber als Kiel auf mich zukam, war die Entscheidung schnell getroffen. Immerhin wuchs zu dem Zeitpunkt ja schon eine gute Mannschaft zusammen.


Du hast es eben schon kurz angeschnitten: Dein zweites Engagement in der Fördestadt hätte kaum beschissener enden können. Wie verlief eigentlich Dein Abschied nach dem verpassten Zweitliga-Aufstieg? War das so ein Moment, wo man einfach nur schnell weg will, kurz und schmerzlos Tschüss sagt und abhaut?

Der Nichtaufstieg in letzter Minute war einfach nur bitter. Das war eine elendig lange Busfahrt nach Hause. Wobei ich sagen muss, dass ich von der Busreise fast nichts mitbekommen habe. Ich habe mich im Bus unten in die Schlafnische gelegt, wo eigentlich der zweite Fahrer schlafen kann. Einmal bin ich während einer Pause kurz raus und habe mich anschließend wieder da unten verkrochen, Videos geguckt, etwas geschlafen und wollte einfach mit niemandem reden.


Am Tag danach hatten wir noch eine Autogrammstunde im CITTI Park. Im Team herrschte absolut gedrückte Stimmung, aber die Fans haben uns mit Applaus empfangen und dieser Zuspruch tat dann auch sehr gut. Am Abend hatten wir dann noch eine Art Ausstand in einem Lokal, wo sich die Mannschaft, das Trainer-Team und der Vorstand mitsamt Anhang zusammengefunden haben. Da hat man noch mal alles Revue passieren lassen, aber wirklich reden wollte kaum einer. Irgendwie war man schon stolz auf das, was wir erreicht haben. Aber die Krönung hat eben gefehlt und die Enttäuschung, den großen Wurf nicht geschafft zu haben, überwog verständlicherweise.


Ich bin dann auch relativ früh abgehauen. Zu dem Zeitpunkt hatte ich schon keine Wohnung mehr in Kiel. Stattdessen habe ich bei Mikkel Vendelbo gewohnt. Am nächsten Tag ging es zeitig nach Bremen, um meine Wohnung einzuräumen und dann musste ich erst mal ab in den Urlaub.


Wie sehr prägt dieses einzelne Ereignis eigentlich Deinen Rückblick auf Deine gesamte Fußballerkarriere?

Eigentlich gar nicht. Das Spiel hat mir nur wieder vor Augen gehalten, wie nah Erfolg und Misserfolg manchmal beieinander liegen. Du bist mit 1:0 vorne, machst ein gutes Spiel, kämpfst leidenschaftlich und am Ende stehst du mit leeren Händen da.


Du gehörst zu einer Handvoll Spieler, die in dem Film „Westring 501“ von Joker Pictures zu Wort gekommen sind. Hast Du Dir diesen Film eigentlich mal mit Ex-Teamkollegen angeschaut?

Ich weiß, dass die Mannschaft, die quasi dageblieben ist, die Premiere gemeinsam im Cinemaxx gesehen hat. Selber habe ich ihn auf DVD geguckt, aber nie mit einem ehemaligen Mitspieler. Das war natürlich eine tolle Geschichte, dass ich da mitmachen durfte, und auch schön zu sehen, wie daraus der Film entstand. Auch wenn ein Happy End dem Ganzen besser zu Gesicht gestanden hätte.


Hast Du denn privat noch Kontakt nach Kiel, zum Verein oder eben zu alten Mitspielern?

Klar, einigen Kontakt gibt es da noch. Zum Physiotherapeuten Sebastian Süß und Athletik-Trainer Tim Sörensen habe ich noch Kontakt, auch zu Tim Petersen, der Betreuer bei der KSV ist. Natürlich habe ich auch noch mit einigen ehemaligen Teamkameraden zu tun: mit Marc Heider und Mikkel Vendelbo nach wie vor. Sofien Chahed und Fabian Wetter treffe ich regelmäßig. Vorletzte Woche habe ich noch mit Hauke Wahl telefoniert und auch mit Jan Sandmann habe ich immer noch Kontakt.


Also kann ich davon ausgehen, dass Du Dein Ex-Team noch sehr ausführlich verfolgst?

Na ja, ausführlich kann ich es zurzeit nicht nennen. Wenn es mir die Zeit erlaubt, schaue ich mir die Holstein-Spiele an, das ist klar. Wenn ich den Live-Ticker verfolge, fällt in der zweiten Liga selbstverständlich der erste Blick auf das Ergebnis der Störche. Ich bin jetzt aber nicht mehr genauestens im Bilde, was in Kiel intern passiert. Neulich habe ich mal mitbekommen, dass das Trainingsgelände jetzt noch mal umgebaut wird. Das passiert dann aber eher zufällig.


Trotzdem stelle ich Dir die Frage: Wie bewertest Du die aktuelle Situation der KSV?

Nach einem Trainerwechsel ist es oft erst schwierig. Ich weiß nun nicht, wie der Plan mit Ole ist, aber grundsätzlich haben Sie einen jungen, aufstrebenden Trainer, der meiner Meinung nach richtig was auf dem Kasten hat. Für die Mannschaft ist es jedenfalls nicht immer einfach, wenn der Trainer ausgetauscht wird. Generell war es bis dato natürlich eine sensationelle Entwicklung bei der KSV. Unter Markus Anfang haben sie hervorragend gespielt, auch unter Tim Walter haben sie ein richtig gutes Jahr gehabt.


Auch wenn es jetzt mal nicht mit dem Trainer geklappt hat, bin ich mir sicher, dass die handelnden Personen bei Holstein einen genauen Plan haben und die richtige Entscheidung treffen werden. Ich denke, die Mannschaft ist, so wie sie jetzt ist, eigentlich gut aufgestellt. Sie haben vielen junge Spieler, ein paar erfahrene dazwischen. Man muss dem ganzen wahrscheinlich ein bisschen Zeit geben.



Ich glaube, viele sind sich einig, dass in der Mannschaft ganz gutes Potenzial steckt. Dennoch wirkt es oft sehr mutlos, was die Mannschaft über weite Strecken spielt. Kaum einer traut sich mal Risiko zu gehen und natürlich wird das Selbstvertrauen zurzeit angeknackst sein. Was hast Du in solchen Situationen als Kapitän unternommen?

Das hängt natürlich alles miteinander zusammen. Wenn man als Mannschaft gewinnt und gute Spiele abliefert, dann ist es klar, dass man ein bisschen mutiger ist. Ich selbst habe mir darüber nie so wirklich eine Platte gemacht. Ich habe einfach mein Spiel gespielt und mir nicht viele Gedanken darüber gemacht, was passiert wenn. Da war ich zum Glück immer recht stressresistent. Mir hat es wenig ausgemacht, was Leute denken oder ob da Pfiffe kamen.


Karsten Neitzel und Jan Sandmann haben uns damals zum Beispiel immer einen klaren Plan an die Hand gegeben und zu dem gehörte auch die Freiheit, total frech zu sein. Sie haben immer gesagt: „Wir müssen unser Spiel spielen und dürfen uns nicht verstecken, wenn es gerade mal nicht läuft. Denn dann wird genau das passieren, was wir nicht wollen.“ Daher haben wir immer frech und frei nach vorne gespielt und uns gute Aktionen erarbeitet.


Eben hast Du kurz erwähnt, dass Du vorletzte Woche mit Hauke Wahl telefoniert hast. Holt er sich auf diese Weise mal Rat von seinem alten Kapitän?

Nein, nein! Das war eher zufällig, dass es dazu kam. Wir haben einen gemeinsam Bekannten, den er gerade angerufen hat, als ich neben ihm stand. Da habe ich mir einfach das Telefon gegriffen. Ich glaube, Rat von mir holen, muss sich Hauke nicht. Was Zweitligaspiele angeht, ist er doch sogar schon längst erfahrener als ich, da hat er jetzt doch schon doppelt so viele. Hauke ist einfach ein netter Junge, der weiß was er will. Ihn habe ich ja schon gekannt, als er gerade frisch aus der Jugend zu uns hoch kam. Ich halte ihn für einen guten Kapitän, der auch gerade an solch schwierigen Situationen wachsen wird. Dafür braucht er mich nicht zwingend. (lacht)


Spielte zwei Saisons zwischen 2013 und 2015 mit Rafael Kazior zusammen. Der hier (2015) 21 Jährige Hauke Wahl.

Gehen wir noch mal etwas mehr auf Deine Person ein. Mittlerweile bis Du bei Werder Bremen Videoanalyst.

Das stimmt nicht ganz. Der Bereich Videoanalyse ist ein Teil meines Jobs. Die genaue Bezeichnung ist eigentlich Gegneranalyst.


Dann formuliere ich meine Frage etwas um. (lacht) Was sind denn Deine genauen Aufgaben als Gegneranalyst bei Werder?

Es geht für mich in die Stadien, um eben die anstehenden Gegner zu beobachten. Im Nachhinein komme ich dann zur Videoanalyse, nach der ich unserem Chefanalysten die wichtigsten Ergebnisse und Fakten in eigenen Zusammenschnitten präsentiere, damit das Trainerteam letztlich mit den erhaltenen Infos in die taktische Tiefe gehen kann.


Du warst als Spieler das, was man einen Allrounder nennt. Gefühlt gab es keine Position, auf der Du nicht zum Einsatz gekommen bist – mit Ausnahme der defensiven Viererkette vielleicht. Ist das, mal ganz simpel gefragt, eigentlich ein Vorteil, wenn man den Gegner taktisch auseinandernimmt?

In Essen habe ich tatsächlich mal knapp zehn Spiele als Rechtsverteidiger gemacht. Also weiß ich sogar, wie man in der Viererkette spielt. (lacht)

Aber zurück zu Deiner Frage: Es hilft ja grundsätzlich bei diesem Job, wenn man seine eigenen Erfahrungen auf dem Fußballfeld gesammelt hat. Dass ich mehrere Positionen – wenn auch teilweise aus der Not heraus geboren – gespielt habe, ist sicherlich auch kein Nachteil. Aber man muss schon sagen, dass es ein großer Unterschied ist, was ich zu meiner Zeit in der zweiten und dritten Liga zum Beispiel im defensiven Mittelfeld gespielt habe und was heute ein Erstligaspieler im defensiven Mittelfeld spielt.


Noch zu Deiner Kieler Zeit hast Du eine Weiterbildung im Sportmanagement angefangen. Wie ist es darum eigentlich bestellt?

Damit wollte ich mal ein wenig in diesen Bereich reinschnuppern. Doch leider war der Kurs mehr Wirtschaft als Sport und das hat mich irgendwie nicht so gefesselt. So habe ich schnell gemerkt, dass ich unbedingt was machen möchte, was nahe am Team dran ist und unmittelbar mit der Mannschaft zu tun hat. Daher war es gut, dass ich den Kurs begonnen, aber eben auch nicht weiter verfolgt habe.


Ich vermute, Deinen aktuellen Job bei Werder möchtest Du noch eine ganze Zeit lang machen. Planst Du dennoch schon weitere Schritte, die Du in Deiner Karriere verfolgen möchtest?

Einen genauen Karriereplan habe ich nicht ausgearbeitet. Ich freue mich sehr darüber, dass ich meine aktuellen Erfahrungen bei Werder machen kann. Das ist jetzt mein zweites Jahr, mein Vertrag geht auch noch eine Weile. Das kann auch erst mal so weiterlaufen. Nebenbei mache ich meinen Trainerschein und konnte letztes Jahr schon die DFB-Elite-Jugend-Lizenz erlangen.


Im Oktober starte ich mit der A-Lizenz. Danach wäre es dann natürlich der logische Schritt, die Lizenz zum Fußballlehrer zu machen, aber das ist noch weit weg. Da schaue ich mal, wenn es soweit ist. Generell vorstellen kann ich es mir schon, denn, wie eben gesagt, reizen mich vor allem die Aufgaben, die direkt mit dem Team zu tun haben. Aber im Moment bin ich glücklich und zufrieden mit dem, was ich gerade mache. Aber wie auch schon so viele vor mir sagten: Im Fußball kann man bekanntlich ja nichts planen. (lacht)


Mit dieser weisen Phrase beenden wir dann auch mal das Interview. Vielen Dank für Deine Zeit und vor allem viel Erfolg für die A-Lizenz.


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