• Chris

Adebars Gesprächsstoff: Interview mit Karsten Neitzel

Aktualisiert: 19. Sept 2019

Innerhalb der Adebar-Redaktion gibt es keine Zweifel: Kommt die Frage auf, welcher Trainer uns in den letzten Jahren vom Typen her am besten gefallen hat, dann war und bleibt Karsten Neitzel noch immer ein echter Liebling in unserem Storchennest. So manches Mal kam er knurrig daher, aber vor allem immer direkt und unverblümt. Neitzel ist ein Mann mit Ecken und Kanten - vor allem einer klaren Kante. Er ist einer von der Sorte, die man mittlerweile leider eher hinterm Zaun in der Kurve als davor auf dem Grün an der Seitenlinie trifft. Bei dem ehemaligen KSV-Trainer (134 Spiele zwischen Juli 2013 und August 2016) hatte man stets das Gefühl, dass er auch sagt, was er denkt, und nicht wie das Gros seiner Zunft vorher eintrainierte Floskeln raushaut. Ein guter Grund sich nach langer Zeit mal wieder mit ihm zu unterhalten.



Moin, Moin Herr Neitzel! Haben Sie eigentlich noch Kontakt nach Kiel oder waren Sie schon mal wieder im Holstein-Stadion?

Kontakt habe ich schon noch, allerdings ist es jetzt auch nicht mehr der ganz enge Draht. Aber ab und zu kommt es schon noch vor. Im Holstein-Stadion bin ich aber noch nicht wieder gewesen.


Den Saisonstart der KSV werden Sie dennoch verfolgt haben. Wie bewerten Sie diesen?

Ich weiß ja als Trainer beziehungsweise als Verantwortungsträger in einem Verein: Wenn man eines nicht mag, dann sind das schlaue Sprüche von außen. Deswegen tue ich mich auch ein bisschen schwer damit. Ich bin nicht vor Ort, ich sehe nur die Ergebnisse und Zusammenschnitte oder lese, was in der Presse steht. Das ist aber dann auch alles, worauf ich meine Bewertung stützen kann. Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass es – wenn man die Aufstiegssaison mitzählt – nach drei Sensationsjahren nun halt mal eine Delle gibt. Das soll im Fußball mal vorkommen. Das sehe ich überhaupt nicht dramatisch. Es passiert eben mal, dass man nach ein paar Spieltagen nicht dort steht, wo man in den letzten Jahren immer stand, und ist aus meiner Sicht völlig normal.


Nichtsdestrotz gab es in den Fankurven, sozialen Medien und auch in der kleinen Kieler Medienwelt immer wieder zu hören und zu lesen, dass kein System oder Konzept von André Schubert zu erkennen gewesen sei. Wie denken Sie darüber?

Wenn es nicht läuft, dann gibt es immer wieder – da kann man hingucken, wo man will – bei allen Vereinen die gleichen Sätze: Es gibt kein Konzept. Die Spieler folgen dem Trainer nicht. Die Mannschaft kämpft nicht mehr. Das ist immer das Gleiche. Wenn ich die Spiele von Holstein noch mal Revue passieren lasse, dann finde ich, dass sie einige davon auch hätten gewinnen können. Es hätte nur ein kleines Stück anders laufen müssen. Ob das nun an einem fehlenden Konzept liegt, glaube ich nicht. Generell wissen es die Verantwortlichen der KSV, die tagtäglich mit der Mannschaft zu tun haben, am allerbesten, was da gerade fehlt oder gefragt ist. Ich persönlich kann mir jedenfalls nicht vorstellen, dass André Schubert kein Konzept hatte. Bei dem einen oder anderen Trainer dauert es eben ein bisschen länger, bis es zum Tragen kommt.


Eben sagten Sie schon, dass eine sportliche Delle einfach mal passieren kann nach einer erfolgreichen Zeit. Aber wie haben Sie die Holsteiner Entwicklung seit ihrem Weggang wahrgenommen?

Durchweg positiv. Da gibt es ja keine zwei Meinungen. Wenn Holstein Kiel in der Zweiten Liga eine sehr, sehr gute Rolle spielt, dann ist das gleichzusetzen mit der Deutschen Meisterschaft für Bayern München. Das ist für mich das Maximum, das man kriegen kann. Auch wenn man schon ganz stark am Bundesliga-Aufstieg geschnuppert hat. Das zählt aber zu den Ausreißern nach oben. Und diese Ausreißer nach oben werden dann stets als Bewertungsgrundlage genommen und machen die Arbeit in den nächsten Jahren nicht unbedingt einfacher für die Verantwortlichen.



Kommen wir einmal zu Ole Werner, der die Mannschaft zumindest übergangsweise übernimmt. Er war ja auch schon zu Ihrer Zeit im Verein und Sie kennen ihn gut. Hat er das Zeug dazu, auch als dauerhafte Lösung zu fungieren?

Total. Er hat sich in den letzten Jahren weiterentwickelt, macht seinen Fußballlehrer. In meiner Zeit bei Holstein habe ich viel mit Ole zusammengearbeitet. Und man entwickelt nicht nur ein Gefühl für einen Trainer, wenn man sieht, wie er auf dem Trainingsplatz steht, sondern auch gerade dann, wenn man sich im Büro mit ihm austauscht und gemeinsam Spiele analysiert, wenn man Gespräche führt, sich über Taktik und Training unterhält. Aus meiner Sicht hat er absolut das Zeug dazu. Dadurch merkt man, welchen Blick er auf diese Dinge hat und auch ob jemand so in sich ruht, dass ihn so schnell nichts aus den Socken haut. Ole hat ganz viel von diesen Dingen, die man auf der Schulbank nicht lernen kann und für die es keine Noten gibt. Logischerweise will ich niemanden etwas vorschreiben oder irgendwelche Hinweise geben, aber ich finde, Ole Werner hat absolut das Zeug dazu.


Nun aber auch noch mal zu Ihrer Person: Nach der Station in Elversberg standen Sie rund 14 Monate bei Rot-Weiss Essen an der Seitenlinie. Würden Sie für diejenigen, die Ihr Wirken dort nicht so mitbekommen haben, Ihre Zeit in Essen zusammenfassen?

Anfang April 2018 habe ich die Mannschaft auf Platz 12 übernommen. In den restlichen acht Saisonspielen haben wir noch 15 Punkte gemacht und sind auf Platz 10 eingelaufen. Nach der letzten Saison war es Platz 8. Wir hatten einen Wahnsinnstart, waren nach sieben Spieltagen Erster und nach neun noch Zweiter, ehe wir dann nachgelassen haben. Da spreche ich mich selbst auch nicht von Fehlern frei, muss ich selbstkritisch sagen. Aber es lag auch insbesondere daran, dass uns in der Offensive innerhalb kürzester Zeit fünf Leistungsträger weggebrochen sind. Darunter Spieler wie Kai Pröger, der jetzt mit Paderborn in der Bundesliga spielt, und Kevin Freiberger, der für uns vor der Saison der Königstransfer war. Die Ausfälle konnten wir weder quantitativ noch qualitativ auffangen. Nach Saisonende führte es dann dazu, dass man in Essen – jetzt wo ein neuer Geldgeber und eben ordentlich finanzielle Mittel da sind – auf Wiedersehen zu mir sagte.


Sie waren vor Kiel längere Zeit in Bochum und Rot-Weiss Essen ist ein ganz spezieller Traditionsverein. Worin besteht eigentlich der Unterschied zwischen dem fußballeuphorischen Ruhrpott und der Handballhauptstadt Kiel?

Also, Rot-Weiss Essen ist der Verein in der Regionalliga. Wenn Heimspiele sind, kommen zwischen 10.000 und 15.000 Zuschauern. Da brennt die Hafenstraße. Das ist etwas Besonderes. Natürlich war auch bei uns die Bude voll, als wir 2014/15 oben mitgespielt haben. Das ist ja überall das Gleiche – zumindest in Liga zwei, drei und vier: Wenn Erfolg da ist, dann verdoppeln sich die Zuschauerzahlen. Man muss eben zwischen Zuschauern und Fans unterscheiden. Und was die Fans anbetrifft, hat der Ruhrpott eine andere Qualität. In Kiel hatte ich das Gefühl, es sind viele Zuschauer da gewesen, aber der echte Fankern war bei Weitem nicht so groß wie bei dem Regionalligisten Rot-Weiss Essen. Das muss man einfach sagen.



Sie hatten schon erwähnt, dass Sie nach Saisonende 18/19 in Essen freigestellt wurden. Wie geht man dann als Trainer ohne Klub eigentlich in die neue Saison? Bereitet man sich da irgendwie besonders drauf vor? Na ja, erst mal war ich, als mir am 4. Juni gesagt wurde, dass ich nicht zum Trainingsbeginn zu kommen brauche, verwundert. Denn es gibt auch andere Zeitpunkte, an denen man es dem Trainer mitteilen kann. Aber dann macht man zu Hause die Tür zu, lässt alles sacken und schaut positiv nach vorne. Dann habe ich mir gesagt: Mache ich erst mal ein halbes Jahr Pause und springe nicht direkt auf den nächsten Zug auf. Trotzdem bin ich an dem einen oder anderen Wochenende auf dem Fußballplatz, gucke auch mal beim Basketball oder beim Handball vorbei. Im Moment klappere ich allerdings eher einige Stationen in Deutschland ab und besuche einfach Freunde. Die eine oder andere Anfrage, ob man sich vorstellen könnte dort anzufangen, kommt natürlich rein. Aber bis dato habe ich das verneint.


Das sollte meine nächste Frage werden. Wie ist es denn um den aktuellen Stand der Dinge in Sachen Trainerjob bei Ihnen bestellt? Da gibt es keinen wirklichen Stand der Dinge. Die Vergabe von Trainerjobs ist heutzutage ja eine richtige Wissenschaft. Als ich in Elversberg gehen musste, hatte ich das Glück, dass quasi am nächsten Tag der Sportdirektor von Rot-Weiss Essen angerufen hat. Obwohl ich da eigentlich auch nicht gleich wieder an die Seitenlinie wollte, ging es dann doch sehr schnell wieder los. Jetzt habe ich zum ersten Mal die Situation, dass ich mir die Zeit nehme, eine Pause gönne und auch einfach mal nein sage.


Trotzdem einfach mal in die Tüte gesprochen: Was würden Sie denn sagen, wenn morgen Holstein bei Ihnen anrufen würde?

Nichts, denn das wird ja nicht passieren. (lacht)


Dann wünschen wir erst mal eine schöne Fußballpause und freuen uns jetzt schon wie Bolle darauf, Sie danach wieder an den Seitenlinien und auf den Trainerbänken der Fußballplätze zu sehen.


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