• Knoppi

Faszination Flutlicht

Das Holsteiner Männerbad in einer Wellblechwanne


Wie definiert man Zufriedenheit? Mein alter Pilosophielehrer Herr Wikibald Pedia (oder Wiki, wie wir ihn nennen durften) beschrieb es so: „Innerlich ausgeglichen zu sein und nichts anderes zu verlangen, als man hat.“ Es gibt also keinen Zweifel, ich bin zufrieden. Alles passt. In einer guten Stunde ist Anstoß.

Meine Kumpels sind um mich herum, das Bier in meiner Hand ist kalt und noch gut gefüllt. Der Schal um meinen Hals ist blau-weiß-rot und von Muddi selbstgestrickt. Seine bierfarbenen Verzierungsflecken erzählen Fußballgeschichten von Helden und Trotteln. Ein breites Lächeln zieht sich über mein Gesicht. Was kann es Schöneres geben als ein Heimspiel? Nichts! Fast nichts! Denn so sehr ich mich früher auch gefürchtet habe vor der Dunkelheit, an Tagen wie diesen gibt es kein besseres Gewand für ein Fußballspiel: Es ist ein Abendspiel, ein FLUTLICHTSPIEL!


Mittlerweile ist das Bier in meiner Hand leer. Pflichtbewusst verwandle ich das Ding Baku-mäßig aus zwei Metern in der Mülltonne. „Hoffen wir mal, dass du es nicht immer so machst wie unsere große Nummer Siebzehn“, sagt Felix neben mir. „Wieso? Ich habe die Dose genau ins Eck gehämmert. Wie Baku gegen Pauli“, antworte ich und schlenze dabei einen imaginären Ball über den Westring. „Ja, das war Zuckerei, keine Frage. Aber wenn du es immer wie unsere Offensivkräfte diese Saison machst, landen die nächsten zwei bis drei Dosen wieder weit hinter der Tonne. Im Sinne unserer Stadtlandschaft und unserer Truppe bin ich eher dafür, du machst es wie Inzaghi. 90 Minuten bleibst du unsichtbar und dann rein die Dose.“ Torben und Martin lachen. „Nix!“, rufe ich empört und hole ein weiteres Bierchen aus der Jackentasche. „Ich bin Baku und wehe, du vergleichst mich noch mal mit so einem Theatersportler und Tiefflieger wie Inzaghi. Der ist nie so eine Legende geworden, wie jeder unserer Stürmer es jetzt schon sind.“ Die anderen Jungs nicken zustimmend.Nachdem die Holsteiner Stürmerehre wiederhergestellt und ein neues Bier geöffnet ist, pilgern wir weiter den Westring hinauf. Der Himmel über uns verliert langsam den Kampf gegen die Dunkelheit und dreht den Farbregler von leuchtend Blau in ein mattes Anthrazit. Aber das spielt keine Rolle, denn heute Abend gibt es etwas aus Backstein, Stahl und Wellblech, das größer als der Himmel und heller als die Sonne ist – das Holstein-Stadion.


Aber das spielt keine Rolle, denn heute Abend gibt es etwas aus Backstein, Stahl und Wellblech, das größer als der Himmel und heller als die Sonne ist – das Holstein-Stadion.

Immer mehr Fans gesellen sich wie die Motten um uns herum, je näher wir den Flutlichtern kommen. Mittlerweile ist das letzte Bier geleert und das Stadion in Sichtweite. Unter den gelben Verkehrshinweisschildern leuchtet ein blauer Kreis in der Ferne. Über ihm ragen die vier Masten wie gigantische Zahnstocher in den dunklen Himmel. Ihre Flutlichter lassen im Stadion nur wenig Platz für Schatten. Die optische Komplettierung von Lichtschein und Flutlichtmast wird zur Stecknadel auf der inneren Karte und das Stadion mit seinen zahlreichen wie Ameisen davor hin und her wuselnden Menschen avanciert zur Verheißung. „Gott, habe ich Bock auf Fußball heute!“, rufe ich lauter als gewollt.


Einige Zeit später stehen wir am Bierzug, der Vier, und haben unsere Flüssigtickets zum Mitfahren gelöst. Torben drückt jedem ein volles Bier in die Hand: „Prost Männer, auf ein geiles Spiel!“ Alle stoßen an und beginnen den Gegner zu analysieren. „Nichts kann der!“ „Was? Bist du irre?“ „Der Typ ist ’ne Maschine im Sechzehner.“ „Ein Schauspieler ist das! Während der 90 Minuten liegt und heult der mehr herum als du in deiner ganzen Hochzeitsnacht!“ Für diese fundierte und sportlich faire Einschätzung holt sich Felix vom Tresennachbarn ein High five ab. Mein Blick allerdings ist erneut gen Himmel gerichtet. Gedankenverloren nehme ich einen tiefen Schluck und seufze melancholisch. Martin tickt mir auf die Schulter: „Ey, wir wollen mal rein. Kommst du mit oder machst du weiter den Flutlichtwerwolf?“ „Möge es dir ein Licht sein an dunklen Orten, wenn alle anderen Lichter ausgehen“, sage ich leise und vernichte mein Bier vollends. „Hast du gerade aus dem 'Herrn der Ringe' zitiert?“, höre ich Torben fragen. „Allein die Worte Tolkiens sind groß genug, die Schönheit eines Flutlichtspiels zu beschreiben“, antworte ich mit erhobenem Zeigefinger und leicht lallend. „Hat er vorhin an der Tanke wieder aus Versehen dieses achtprozentige Elephant-Bier gegriffen?“, fragt Felix. „Keine Ahnung, aber im Stadion gibt es nur noch alkoholfrei für ihn.“ Alle nicken.


Eine Bratwurst und ein alkoholfreies Bier später geht es mir wieder besser. Ich schäme mich fast ein bisschen, klassischer Anfängerfehler. Ohne ordentliche Grundlage sollte man nie ins Stadion ziehen. Das galt schon zu Zeiten der KSV-Gründung. Nun stehen wir in unserem Block und diskutieren darüber, ob Finn Porath, Janni Serra oder eher Emmanuel Iyoha die schönste Fristur hat. „Seid ihr hier im Stadion oder beim Friseur? Was interessiert euch das Aussehen?“, fragt uns ein Holsteiner Original zwei Stufen weiter unten. Sein Kiel-Ahoi-Aufstiegsshirt hat fast so viele Bierflecken wie mein Schal. »Ich bin im Stadion, um die Burschen kicken zu sehen. Schönheit ist vergänglich, unsere KSV bleibt für immer!« Dann dreht er sich wieder zum Spielfeld. Wo er recht hat, hat er eben recht.


Im Dunkeln lässt sich nämlich nicht nur gut munkeln, sondern auch vortrefflich zu Holstein gehen. Einen Abend lang einfach nur Blödsinn reden, Bier trinken und Zeit mit Freunden und der geilsten Nebensache der Welt verbringen.

Mittlerweile ist das Stadion voll und die Mannschaftsaufstellung wird verlesen. Ich versuche, ein Panoramafoto aus dem Block zu machen und unterbreche den Schwenk nur für ein ekstatisches „AHOOOOI“ und beende meine dokumentarische Pflicht dann. Das Bild noch schnell an einen netten, aber rivalisierenden Arbeitskollegen aus Hamburg geschickt. Mit dem freundlichen Zusatz: »Das ist Fußballromantik! Das ist Holstein! Du Pfosten!« Dazu noch ein paar Emojis – Bierglas, tanzender Typ, Fußball, Feuerwerk und eine Banane. Das muss reichen. Handy weg, das Spiel beginnt

Der Rasen leuchtet in so sattem Grün, dass man fast erwartet, Tiger Woods kommt jeden Moment mit seinem Caddie auf den Platz und schlägt vom Mittelkreis ab. Aber nicht nur der Rasen wirkt anders unter den starken Flutlichtern. Irgendwie ist alles schöner. Ich glaube, das meint meine Frau, wenn sie mit Kerzen, einem Glas Sekt und der BRAVO-Kuschelrock in die Badewanne geht. „Das ist für die Stimmung“, sagt sie dann immer. Jetzt weiß ich, was sie meint. So ein Abendspiel ist wie ein romantisches Bad. Nur, dass die Kerzen 40 Meter hoch und 1.200 Lux hell sind. Außerdem tauscht man das Glas Sekt gegen zwei bis vier Liter Flensburger aus einem Plastikbecher und die Schnulzenmusik gegen krakeelende Fangesänge, in denen man auch schon mal auf die Farben der Nachbarstadt uriniert. Das Holsteiner Männerbad in einer Wellblechwanne. Ein Traum.


Zur Halbzeit liegt die KSV knapp, aber hochverdient vorn und ich stehe in der Schlange beim Bierdealer hinten. Genau wie die Jungs auf dem Platz sind auch wir gut im Fahrwasser. Der Becher arbeitet stabil an der Lippe und wir zeigen uns heute erstaunlich textsicher. Vielleicht sind es vor allem diese Szenen, die ein Abendspiel so herrlich machen. Im Dunkeln lässt sich nämlich nicht nur gut munkeln, sondern auch vortrefflich zu Holstein gehen. Einen Abend lang einfach nur Blödsinn reden, Bier trinken und Zeit mit Freunden und der geilsten Nebensache der Welt verbringen. Fast am Tresen angekommen, werfe ich einen kurzen Blick aufs Handy. Unter anderem drei Nachrichten von meiner Frau. In der ersten fragt sie, ob ich den Autoschlüssel eingepackt habe. In der zweiten, wie es mir geht. Und in der dritten, was mir einfällt, ihrem Vater eine Nachricht zu schreiben, in der ich ihn einen Pfosten nenne... Scheiße! Na ja, was soll‘s? Zum Glück ist noch eine Halbzeit Schonfrist, bis es zu Hause einen auf den Deckel gibt. „Machst mir noch mal vier?“


Bildergalerie zum Durchklicken


  • Instagram
  • Facebook Social Icon

© 2019 by Adebar - DER STEHPLATZblog. Impressum - Datenschutz - DSGVO