• Knoppi

Fünf Minuten, dann klingelt's!

Aktualisiert: Feb 14

Ein Moment aus dem Spiel gegen Sankt Pauli.


„Scheiße“, ich rufe das lauter als ich will. „Das wäre es jetzt gewesen. Ein Tor wäre perfekt von hier oben“. Ich senke die Kamera vom Auge vor die Brust und fluche erneut. Diesmal etwas leiser: „Scheiße!“ „Na na na, wer wird denn da solche Worte benutzen?“ Ich zucke zusammen. Die Stimme hinter mir ist ein klassischer Bass. Tief, dröhnend und mächtig. Trotzdem schwingt etwas Amüsiertes in ihr mit.

Ich drehe mich um. Hinter mir steht ein Berg von einem Mann. Sein Gesicht leuchtet rot, die Mütze schwarz und die Weste neongelb. Einer der Ordner. „Sorry, aber von hier ein Treffer abzulichten wäre einfach geil“, entgegne ich und habe damit vollkommen recht. Ich befinde mich nämlich dort, wo sich die Fotografen üblicherweise nicht herumtreiben. Ich stehe am oberen Ende von Block M. In dem Bereich, in dem man nur durchmarschieren und nicht stehen bleiben darf. Fluchtweg und so. Glücklicherweise macht mich meine graue Presseweste nicht nur extrem sexy und schlank, sondern sie ermöglicht mir auch an solchen Orten ein wenig länger als der normale Fan verweilen zu dürfen. Schöner Blick über die Köpfe des neuen Stehplatzbereiches aufs Tor.


Ein lautes „Ooooohhh“ reißt mich aus meinen Gedanken. Jetzt hätte ich durch meine Träumerei fast ein Tor verpasst. „Gibt's doch nicht“, schimpfe ich mit mir selbst. „Keine Sorge, Kleiner“, sagt der Bergordner und haut mir mit einem Lächeln seine Schaufelhand auf die Schulter. „In den nächsten fünf Minuten klingelt's. Sankt Pauli steht miserabel und Holstein ist heiß. Vertrau mir!“ Mein Blick geht zur Anzeigetafel über Block I. 0:0 und 27. Minute steht dort leuchtend geschrieben. „Deal“, antworte ich. „Wenn bis zur 32. Minute das 1:0 fällt, geb' ich dir ein Bier aus. Wenn nicht, musst du mich ab jetzt immer Großer nennen!“ Der Berg lacht. Es klingt, als würde er Glasscheiben und Steine im Rachen zerkleinern. Dann nickt er.

Drei Minuten später…

Oben auf der Anzeigetafel transformiert sich die 29 in eine 30. Unten auf dem Rasen schickt Mühling Neumann mittig in Richtung Sechszehner. Neumann kommt nicht ran. Klärungsversuch eines Paulianers. Porath schnappt sich den wegspringenden Ball. Nimmt die Pille vom rechten auf den linken Fuss. Vor ihm tauchen rechts und links zwei Brauntrikotträger auf. Porath schaltet sein Sechs-Million-Dollar-Mann-Adlerauge ein, schiebt die Murmel durchs Wurmloch in den Sechszehner. Salih hat Doctor-Strange-mäßig kurz mal in die Zukunft geschaut und läuft perfekt ein. Zärtlich streichelnd mit dem rechten Außenrist angenommen und vorgelegt. Zwei Schritte hinterher. Schuss gegen die Laufrichtung. Bier fliegt durch die Luft. Wurst fällt zu Boden. Frauen schreien. Männer weinen. Kinder beißen in den Fanschal! Das Holstein-Stadion explodiert!


Das Adrenalin in meinem Körper lässt mich den Auslöser drücken, als wäre es die Aktualisierentaste an meinem PC und ich wieder ein Teenager irgendwann Ende der 90er, der sich mit einem 56K-Modem Schmuddelseiten im gerade aufkommenden Internet anschaut. Aber ich bin kein Teenager, ich bin erwachsen und schaue gerade Soccerporn. Ich schreie „jaaaa“. Neben mir schreien viele Hundert „JAAAAAA“. Ich versuche, die Jungs auf dem Rasen und die Fans vor mir beim Jubeln zusammen aufs Bild zu kriegen. Permanent habe ich eine Faust oder eine klatschende Hand fett im Bild. Ich zapple von rechts nach links wie mein 4jähriger Neffe nach einem Liter Monster-Energy. Nach ein paar ekstatischen Sekunden ist alles vorbei. Der Puls normalisiert sich, das Speicherlämpchen an der Kamera blinkt weiter wie ein Stroboskop im Tucholsky. Ich drücke Play. Erst leuchtet das Kameradisplay, dann meine Augen.

Ich hole Luft. Die Mütze ist mir vom Kopf gefallen. Ich bücke mich, um sie aufzuheben. Als ich wieder hochkomme, trifft ein großes Stück vom Stadion Dach meine Schulter - zumindest fühlt es sich so an. „Was hab' ich gesagt?“, brummt es mir lachend ins Ohr. „Kleiner!“ Der Berg zwinkert. Ich setze mir meine Mütze wieder auf, nur um sie direkt wieder in seine Richtung zu lüften und mich zu verbeugen. „Ich verneige mich vor deinem Glaskugeltalent und schulde dir ein Bier.“ „Lass stecken!“, sagt er freundlich und schaut über die Menge. Ich habe mein Bild und wechsle die Position.


Bevor ich gehe, drehe ich mich noch einmal um. „Wie gehts es aus, oh mächtiges Orakel?“, will ich wissen. „3:1 für Holstein", sagt der Berg mit voller Überzeugung. „Wenn das auch stimmt, bestehe ich darauf, dir einen auszugeben“, sage ich und werfe meine Kameratasche über die Schulter. Wieder erklingt das Zertrümmern von Glas und Steinen. Ich verlasse die Tribüne. Mit dem 3:1 hatte er zwar nicht recht, aber so ein Ende wie gegen Sankt Pauli hätte wohl nicht mal Nostradamus vorhersagen können.


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