• Chris

Der Fall Hamann – Eine unendliche Geschichte über ein knappes Jahr

In unserem Roundup zum letzten Spiel sind wir über einen Beitrag der 96Freunde gestoßen, die über eine alte Anekdote zwischen Holstein und Hannover 96 berichteten. Da fiel uns dann auch direkt ein alter Artikel ein, der vor einigen Jahren bei unseren Freunden von marlowski - das ehemals beste Stadtmagazin von Welt - erschienen ist. Natürlich haben wir ihn mal ausgebraben, um ihn Euch zur Verfügung zu stellen. Als Grundlage diente dem Verfasser damals ein alter Beitrag aus dem Spiegel (Ausgabe 48 des Jahres 1948). Ihr seht ihn im Bild und könnt ihn hier auch online finden.

Es ist noch gar nicht so lange her, da steckte Holstein in eher weniger guten Phasen und man dachte an bessere Zeiten. Nun drehen wir den Spieß mal um. Sportlich geht es der KSV ja durchaus gut, so nach dem Aufstieg in die Profigefilde. Daher erinnern wir in dieser Ausgabe mal an eine schwärzere Stunde in Holsteins Historie.


Es war im November vor mehr als 72 Jahren, als Holstein Kiel aufgrund eines vordatierten Passes aus der Oberliga, der damals noch höchsten deutschen Spielklasse, ausgeschlossen wurde. Doch fangen wir vorne an. Willi Hamann war ein äußerst talentierter Kicker, wie sich in seinen Spielen für Kilia Kiel zeigte. Allerdings zog es den Friseur nach Weiden in die Oberpfalz, wo er nach Feierabend seine Fußballtreter für die SpVgg schnürte. Solche „Zonenspringer“ waren im Fußballgeschäft der Nachkriegszeit häufig zu finden. So kam ihm ein im Winter '47 erhaltenes Angebot gerade recht. Die KSV Holstein wollte sich seine fußballerischen Dienste sichern.


Blicken wir auf das Saisonende 1947/48: Holstein belegte mit 14:30 Punkten nach dem letzten Spieltag knapp vor Hannover 96 (13:31) den 10. Rang und damit letzten Nicht-Abstiegsplatz. Die 96er hingegen mussten den bitteren Gang in die Verbandsliga antreten. Doch der Club aus Niedersachsen bekam davon Wind, dass der bei Holstein eingesetzte Spieler Willi Hamann gar nicht spielberechtigt gewesen sein sollte. Auf Hannoveraner Nachfrage ließ der damalige Kieler Spartenleiter Gustav Scharlemann verlauten, dass der Spieler eindeutig spielberechtigt gewesen sei. Die 96er akzeptierten das.


Bis auf Harry Burmeister, ein altes Vereinsmitglied, der daraufhin auf eigene Faust gen Weiden fuhr, um Hamann, der sich nach Saisonende dorthin zurückbegab, aufzusuchen. Es gelang ihm, dem umstrittenen Holsteiner unter notarieller Aufsicht zu entlocken, dass dieser bis einschließlich Dezember '47 für die SpVgg Weiden gegen den Ball getreten hat. Also, zu einem Zeitpunkt als er laut Pass bereits bei Holstein gemeldet war. Hamann hatte in Kiel ein auf September '47 vordatiertes Beitrittsformular unterzeichnet, um die Sperrfrist nach einem Vereinswechsel, die ihn erst im April spielberechtigt hätte werden lassen, zu umgehen. Beim Verbandsgericht in Celle gab man dem Verein Recht, der den Pass besaß – also Holstein.


Nun begann ein Verhandlungsmarathon. Am 7. November 1948 fällte der Norddeutsche Spielausschuss Schließlich eine Entscheidung: Holstein wurde mit sofortiger Wirkung vom Spielbetrieb der Oberliga Nord ausgeschlossen und musste zur kommenden Saison 49/50 in der Verbandsliga antreten. Hannover durfte zu selbiger Saison, ohne sich sportlich qualifizieren zu müssen, wieder an der Oberliga Nord teilnehmen. Scharlemann, der unter Tränen die Urkundenfälschung zugegeben hatte, wurde seines Amtes enthoben und dazu bis auf Weiteres gesperrt.


Nachdem Holstein 47/48 nur noch Freundschaftsspiele absolvieren durfte, glätteten sich die Wogen langsam wieder und der Spielausschuss hob letztlich die Zwangsversetzung Holsteins auf. Die KSV konnte aufgrund der Aufstockung der Oberliga auf 16 Teams zur nächsten Saison wieder teilnehmen.

  • Instagram
  • Facebook Social Icon

© 2019 by Adebar - DER STEHPLATZblog. Impressum - Datenschutz - DSGVO