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Bier an der Vier: Über KSV-Koliken und Fäkalien am Schuhwerk!

„Kennst du das, wenn dir ein Trecker übern Kopf gefahren ist?“, stößt Jenser fast schon unmotiviert heraus. „Ääähhh, nein! Nicht wirklich, wenn ich ehrlich sein soll“, ich kratze mir am Kopf und schau meinen Kumpel etwas verwirrt an. Jenser und ich sehen uns seit vielen Jahren immer wieder im Holstein-Stadion. Guter Typ, stark am Tresen und ein extrem lautes Organ. Wenn ein Gegenspieler seinen Zorn auf sich gezogen hat, dann höre ich seine Schmähungen bis zum Spielfeldrand, wo ich mich als Fotograf meist aufhalte. „Ich glaube auch, wenn ich’s kennen würde, dann würde ich nicht hier mit dir stehen, sondern zirka 200 Meter weiter in der Horizontalen dort drüben liegen“, ich nehme einen Schluck Bier aus meinem Becher und zeige über den Westring in Richtung Nordfriedhof.


„Ja, hast wahrscheinlich Recht“, antwortet mein Kumpel einsichtig und bestellt uns noch zwei Flens an der Vier vorm Holstein-Stadion. „Dann eben 'ne Landmine. Kennst du das, wenn eine Landmine dir die Beine abreißt?“, wieder guckt Jenser mich fragend an. Ich schicke meinen immer noch verwirrten Blick erneut zu ihm und danach an mir herunter. Dann wackele ich demonstrativ erst mit dem rechten und dann mit dem linken Bein: „Ich weiß nicht genau, wo du mit mir hin willst, aber ich schätze, es geht dir um Schmerzen, oder?“ Mein Kumpel nickt und schaut traurig in seinen Becher. „Ich habe Holstein-Schmerz“, sagt er gedankenverloren und traurig. „Ich glaube, du meinst Weltschmerz“, erwidere ich neunmalklug. „Nein! Die Welt ist mir egal! Es geht hier um Wichtiges. Es geht um unsere KSV.“



Jenser transportiert den Großteil seines Bieres vom Becher seine Speiseröhre herunter und fängt dann an: „Ich weiß nicht, was los ist. Wir spielen Zweite Bundesliga. Hannover 96, der VfB Stuttgart und der verdammte HSV gehören zu unseren Punktspielgegnern. Jeder sollte fröhlich tanzend und nackt den Westring nach Hause laufen nach jedem Heimspiel. Egal, wie das Spiel ausgegangen ist. Aber ich bin aktuell oft enttäuscht, wenn wir hier stehen. Das nervt mich!“ „Wieso nackt?“, denke ich und Jenser fährt fort: „Alles erinnert mich im Moment an die Geburt von meinem ersten Sohn. Er war mein Augenstern.“ Ich setze den Becher ab und hebe die Augenbraue. „Er IST mein Augenstern. Ist! Ich habe ist gesagt“, schießt Jenser panisch hinterher. Ich nicke. „Ich meine, es war der Hammer, als er geboren wurde. Ich war noch nie so glücklich. Selbst Spazieren gehen hat auf einmal Spaß gemacht. Du weißt, was ich meine.“ Wieder nicke ich: „Ja, ich weiß, was du meinst. Spazierengehen ist ätzend.“ Jetzt nickt Fiete. „Ist eigentlich wie Fußball. Nur ohne Ball und ohne Laufen und ohne Kumpels und ohne Abseits.“ „Und ohne Spaß“, ergänze ich seine Aufzählung. „Und ohne Bier“, vollendet Fiete sie. Er zeigt der freundlichen Bedienung das Victory-Zeichen, an der Vier auch bekannt als 'Zwei Neue, bitte!', und kramt sein Geld aus der Tasche. „Stimmt“, sage ich beipflichtend und leere meinen Becher, „Spazierengehen wäre mit Bier tatsächlich viel witziger.“Das wissen unsere Frauen auch“, grinst Fiete. „Aber zurück zu meinem Holstein-Schmerz und meinem Sohn.“ Er reicht mir eines der beiden neuen Biere und setzt zur Erklärung an.


„Als der Kleine geboren wurde, war die Welt einfach heftig geil. Es war die Champions-League der Lebensqualität. Als wäre man mit einem kleinen norddeutschen Verein mit einem Mini-Witz-Budget in die Zweite Bundesliga aufgestiegen. Einfach nur Krass. Man war stolz, euphorisch, ein wenig ängstlich, aber meistens einfach nur glücklich. Kommst du mit?“, Fiete schaut mich ernst an. „Geburt, Sohn, Holstein, Aufstieg, alles heftig geil“, antworte ich rülpsend und nicke ernst. Fiete nickt genauso ernst zurück. „Ich weiß nur noch nicht, wohin uns diese wilde Reise führt“, erkläre ich halb fragend. „Kommt gleich“, beruhigt mich Fiete. „Als mein Lütter knapp drei Monate alt war, bekam er Koliken.“ „Ich bekomme eine Idee, wohin es gehen soll“, lache ich. „Bis zu diesem Moment war alles geil! Und plötzlich hat der Kleine nur noch geweint. Der arme Kerl hatte halt den ganzen Tag Bauchweh. Es ging ihm nicht gut und ich konnte nichts dagegen tun. Ich hab alles versucht, was in meiner Macht stand, aber es hat dem Lütten nicht geholfen. Und irgendwann nach Wochen des Schlafentzuges geht auch der stärkste Ritter auf dem Zahnfleisch. All die schöne Zeit vorher ist wie vernebelt. Man leidet - genau wie der Lütte.“ Ich nicke wieder. Das Bier ist schon wieder leer. Diesmal bestelle ich neues.



„Und so geht es dir mit deinem Holstein-Schmerz?“, hake ich nach. „Ja, genau so!“, Holle nickt und schaut mich traurig an. „Ich liebe unsere KSV! Aber aktuell raubt sie mir jeden Nerv“. Wir stoßen an. „Jeden Abend beziehungsweise Spieltag nimmt man den kleinen Racker auf den Arm und versucht, ihn in den Schlaf zu singen und dafür zu sorgen, dass es ihm gut geht. Aber er will und kann nicht schlafen, er schreit und schreit, bis alle vor Erschöpfung einschlafen“, Fiete guckt gedankenverloren in seinen Becher. „Dabei sollte doch alles geil sein. Die ersten drei Monate beziehungsweise letzten beiden Spielzeiten waren doch ein echtes Träumchen.“ „Macht doch nichts“, antworte ich. Fiete schaut mich ungläubig an. „Macht doch nichts? Hast du Holstein - unseren Sohn - denn nie geliebt?“, fragt er mich entsetzt.


„Doch! Aber dein Gejammer kann ich nicht teilen. Auch ich habe in letzter Zeit gerne mal Holstein-Schmerz oder die Holstein-Koliken. Aber erinnere dich mal, wie das bei deinem Lütten nach drei Monaten war!“ Fiete überlegt: „Was meinst du?“ „Was war nach den drei Monaten?“, wiederhole ich meine Frage. Fiete zuckt mit den Schultern. „Die Koliken waren vorbei“, sagt er. „Eben! Keine Koliken dauern ewig. Vielleicht nicht in drei oder vier Monaten, aber irgendwann hören sie auf, und dann drehen unsere kleinen

Racker auch wieder auf und machen uns wieder Freude!“ Über Fietes Gesicht huscht ein Lächeln. „Du hast Recht“, er hebt den Becher. „Scheiß KSV-Koliken!“ Ich stoße an. „Auf unsere Racker“! Das Nächste, was ich weiß, ist, dass ich auf der Couch in Fietes Wintergarten aufwache und meine Frau sauer auf mich ist. Herrlich!



Gespräche wie dieses zwischen Fiete und mir sind in letzter Zeit häufiger zu hören. Mal mehr, mal weniger fundiert, sachlich oder realistisch. Spielt man nach Abpfiff noch ein bisschen Mäuschen am Bierzug, auf den Bürgersteigen des Westrings oder in den Foren und Netzwerken liest und hört man eher Negatives. Es ist verständlich, dass der Bierbecher im Moment eher halbleer denn halbvoll ist. Trotzdem ist das Gejammer und Gemecker teilweise schon etwas übertrieben. Besonders die beiden letzten Heimspiele gegen Hannover und Regensburg hatten Phasen, in denen die Truppe von mutlos bis hilflos alles im Repertoire hatte. Trotzdem ist es etwas einfach und in meinen Augen auch unfair, dem Kader die Qualität für die zweite Liga abzusprechen. Es laufen ganz andere Mannschaften durch selbige. Der Unterschied zu denen ist einfach, die haben nicht so viel Scheiße am Schuh wie wir im Moment. Unsere Jungs wirken weder geeint, noch eingespielt oder vorbereitet für die Aufgaben, vor die man im Spielealltag der Zweiten Bundesliga gestellt wird. Trotzdem steht es wohl außer Frage, dass wir krasse Buffer in den eigenen Reihen haben.


Da wäre zum Beispiel der Lenker in der Zentrale. Mühling war im letzten Jahr einer der stärksten Achter der Liga. In der Form der letzten beiden Saisons würde der Bursche jeder Truppe in der zweiten Liga und eventuell sogar dem einen oder anderen Erstligisten helfen können. In der stark schwankenden Form der letzten Spiele mag das anders aussehen. Trotzdem hat er ja nun das Kicken nicht einfach über Nacht verlernt. Selbiges gilt für JoJo van den Bergh oder Hauke Wahl. Beide waren im letzten Jahr unaufgeregte und humorlose Verteidiger, die häufig für einen Ruhepuls bei uns Fans auch in brenzligen Situationen sorgten. Oder unsere Dribbelmaus aus Fernost. Wahrscheinlich der einzige Spieler, der diese Saison wenig bis gar nicht enttäuscht hat. Das unser Lee-Lee-Lee… sich in der aktuellen Saison für höhere Angaben qualifiziert, kann wohl keiner bestreiten, der ihn live kicken gesehen hat.


Und auch die Neuzugänge sind nun wirklich kein Gammelfleisch. Auch wenn es für sie noch einiges zu beweisen gilt. Das steht außer Frage. Baku ist eine der wenigen durchaus positives Überraschungen bisher. Auch ein Atanga hat geile Ansätze. Auch wenn ich der Meinung bin, dass sich unsere leichtgewichtige Nummer Zehn anstatt eines Salates ruhig mal das eine oder andere Schnitzel im Gutenberg oder 'nen amtlichen Burger bei John's Burgerbude gönnen sollte, um Gegner und Wind besser widerstehen zu gönnen. Dass ein Khelifi, Ignjovski, Todorovic oder Özcan ihre Skills bereits in anderen Trikots zur Schau gestellt haben, weiß man auch. Leider zeigen sie diese noch nicht im Holsteindress in der Dauer und Frequenz, wie wir uns das wünschen würden.


Klar kann das Abwarten, dass sie endlich ihr Potenzial ausschöpfen, auch mal zu lange dauern. Außerdem ist Potenzial ja auch nicht immer gleichbedeutend mit Qualität. Denn die Qualität besteht ja darin, sein Potenzial auch abzurufen. Es darf auch viel mehr kritisiert werden, dass sich niemand im Kader - ob neu oder alt - hervortut, der Führungsqualitäten raushängen lässt und die Mannschaft antreibt. Wohlgemuth wurde - nicht zu Unrecht - dafür kritisiert, dass es ihm diesmal nicht gelungen ist, wieder Leute wie Meffert, Wahl oder Lee zu verpflichten. Wenn diese Spieler der letzten Saison jetzt aber funktionieren und/oder ihre Führungsrolle ausfüllen würden, dann müsste man auch nicht nach neuen Soforthilfen schreien. Immerhin hat die Mannschaft ja vorher bestens funktioniert und das zentrale Gerüst davon besteht ja immer noch. Ich gehöre ja eh zu denen, die 90 Prozent der Kicker zumindest latente Einstellungsprobleme unterstellen. Daher finde ich, dass die Spieler ruhig härter bewertet und angepackt gehören - wenn auch nach acht Spieltagen noch in einem gewissen Rahmen.


Wir haben im Moment aber leider immer noch spontane Koliken und auch jede Menge Scheiße am Schuh. Und die gilt es nun abzuschütteln. Das Zeug ist nur leider sehr klebrig und hartnäckig. Neben einem aufgeblähten Bauch, Fäkalien am Schuhwerk und einem enttäuschenden Tabellenplatz steht es eben auch außer Frage, dass die ersten Spieltage verschenkt wurden, da man einem Trainer vertraute, dem es nicht gelang, seinem Team eine nachhaltige Spielidee einzuverleiben. Oder wie es mein Blog-Kollege immer sagte: "Der strotzte schon vor Amtsantritt mehr vor Inkompetenz als vor Fußballweisheit." Mittlerweile wissen wir alle, dass sich Truppe und Trainer in ihrer Findungsphase eher verlaufen und verloren haben. Ich muss schon zugeben, dass ich bei Stephen Kings Friedhof der Kuscheltiere mehr zu lachen hatte als bei den meisten Spielen unserer KSV dieses Jahr.

Neben viel Regen und dem einen oder anderen Gewitter gab es ja nun aber auch ein wenig Sonnenschein: Das Spiel gegen Fürth, wir haben einem Weltmeistertorwart einen eingeschenkt, 15 Tausend Leute im Holstein-Stadion, Sommerurlaub in Salmrohr. Da haben die Jungs ihre Koliken mal abgeschüttelt und ohne Bauchweh gespielt. Also liebe Leute, auf Regen folgt Sonnenschein. Jede Kolik endet einmal und Fußball ist immer geiler als Spazierengehen. Besonders mit Bier!


In diesem Sinne… Prost, Ihr Racker!

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