• Chris

Adebars Gesprächsstoff: Patrick Herrmann über das verpasste I-Tüpfelchen

Relegationsrückblick Teil 3/4 -


Einen Fußballgott hauen auch zwei verlorene Relegationen nicht um. Die Last-Minute-Tragödie in München, der verpasste Bundesliga-Aufstieg nach Sensationssaison - Patrick Herrmann hat beides weggegrätscht wie einen leidigen Wirbelwind auf linksaußen. Daher mussten wir den in Adebars größten Kämpfer im Holstein-Trikot auch nicht lange überreden, als wir anfragten, ob er Lust hat, sich mit uns ein wenig über die verlorene Relagation 2018 zu unterhalten. Dabei hat er uns erzählt, dass er das Stadion in Wolfsburg schon vorm Hinspiel bestens kannte, man zwischen den beiden Spielen nicht über Vieles nachdenkt und die Relegation am Ende grundsätzlich eher nicht sein müsste.

Moin, Moin Patrick! Cool, dass Du in der aktuell fußballlosen Zeit Lust auf ein Pläuschchen mit Adebar hast. Unser Blog-Team hat sich gedacht, dass man mit der Relegation gegen Wolfsburg ein Highlight der jüngeren Störche-Gesichte aufrollen könnte. Klar, da bin ich gerne dabei. Euer Blog lässt sich auch von Darmstadt aus gut verfolgen. Ihr könntet aber ruhig ein bisschen häufiger Beiträge bringen. (lacht)


Wir geben uns Mühe. Versprochen! Kommen wir jetzt aber zum Abenteuer Relegation! Das ging für die KSV mit dem 1:1 bei Fortuna Düsseldorf los. Da war klar, dass der 3. Platz fix ist. Für Dich begann zeitgleich das große Zittern, da Du Dich in dem Spiel schwerer verletzt hast. Ich bin halt in dem Spiel gegen Düsseldorf umgeknickt und verletzungsbedingt auch ausgewechselt worden. Was ich hatte, wusste ich da nicht so genau. Ich bin während meiner Karriere halt schon öfters umgeknickt. Am Tag darauf konnte ich ja auch schon wieder trainieren. Also hatte ich das auch gar nicht als so schlimm eingeordnet und hatte nicht erwartet, dass ich dann doch mit dem Training aussetzen musste.

Hier in Kiel haben wir auf jeden Fall für Deinen Einsatz gebetet. Im Nachhinein hat man aber immer mal gehört, dass es aus medizinischer Sicht eventuell besser gewesen wäre, wenn Du nicht gespielt hättest. Wie hat es überhaupt geklappt, dass Du rechtzeitig fit geworden bist? Ich habe versucht, die Zeit bis zum Relegationsspiel so gut zu nutzen, dass mein Fuß regenerieren kann. Ein oder zwei Einheiten vorher konnte ich ja auch wieder richtig trainieren. Wir haben es Gott sei Dank so hinbekommen mit der Verletzung, dass ich spielfähig war. Allerdings habe ich im Nachgang dann doch schon einige Schmerzen mehr gehabt. Die Sommerpause habe ich dann mehr oder weniger dafür benötigt, um die Verletzung komplett ausheilen lassen zu können.


Du warst im Vorfeld der Relegation also reichlich mit Deiner Verletzung beziehungsweise mit dem Auskurieren dieser beschäftigt gewesen. Aber Du hast trotzdem die Stimmung hier in der Stadt und drumherum an der Förde vor den Aufstiegsspielen wahrgenommen. War die ein bisschen anders als sonst? Da spreche ich sicher nicht nur für mich: Bei uns Spielern wie auch bei den Fans war eine absolute Vorfreude auf dieses Spiel – um quasi das Unglaubliche mit Holstein Kiel zu schaffen und sogar in die erste Liga aufzusteigen. Ich glaube aber auch, alle konnten gleichzeitig einordnen, dass es die absoluten Bonusspiele in der Saison waren. Also, riesige Vorfreude ja, aber überzogene Erwartungen nein. Klar, waren wir alle geknickt, dass es nicht geklappt hat. Aber auch danach ist es eine richtig gute Saison geblieben. Nur schade, dass auf dem I kein Tüpfelchen war.


Du selbst hast ja mit jedem Aufstieg bewiesen, dass Du es auch stets eine Liga höher geschafft hast, Dich zu beweisen und zum Stammpersonal zu gehören. Trotzdem sei einfach mal die hypothetische Frage gestellt: Wenn der Fall eingetreten wäre und Ihr wärt aufgestiegen, hättest Du es dieser Truppe zugetraut, auch ein Jahr später in der Bundesliga zu bestehen? Immerhin war ja schon der eine oder andere gewichtige Abgang klar. Was heißt zutrauen? Ich glaube, man hätte generell erst einmal auf einer Euphoriewelle gelebt. Gerade zu Saisonbeginn kann man dadurch und auch mit den Fans im Rücken etwas reißen. Vor allem weil man der Neuling ist und andere Mannschaften einen noch nicht unbedingt einschätzen können. Wir hatten es ja nach dem Aufstieg in Liga zwei erlebt und vorgemacht. Man spielt dann mit sehr viel Selbstbewusstsein. Aber an sich wäre es wahrscheinlich auf jeden Fall eine Saison gewesen, in der wir einfach irgendwie in der Liga hätten bleiben wollen und es wäre eine gute Saison gewesen. Aber das ist, wie Du schon sagtest, eine rein hypothetische Frage. Eine richtige Antwort hätte ich Dir nur geben können, wenn wir auch aufgestiegen wären. (lacht)

Im Vorfeld der Relegation kam auch die Stadiondiskussion auf – mit den komischsten Gedankenspielen: Gegebenenfalls müsste Holstein in der Bundesliga nach Hamburg oder gar Hannover ausweichen. Das hat sich immerhin rechtzeitig zerschlagen. Aber habt Ihr Euch in der Kabine auch mal mit dieser Thematik befasst? Oder hat Euch das bis dahin gar nicht interessiert? Wir haben schon die Artikel darüber gelesen. Aber für uns war halt klar, dass wir diejenigen sind, die dafür erst mal die Relegationsspiele gewinnen müssen, damit das große Thema überhaupt erst aufkommen kann. Wir wussten, dass dafür erst mal zwei Spiele gespielt werden müssen. Von daher haben wir das rational eingeordnet und uns darüber keine Gedanken gemacht.


Gehen wir mal zum Stadion in Wolfsburg. Natürlich ist es größer gewesen als die meisten anderen Zweitligastadien, in denen Ihr gespielt habt. Aber wirklich eingeschüchtert haben, wird es Dich ja sicher nicht, nachdem Du vorher schon in einer vollbesetzten Allianz-Arena gespielt hast. Kannst Du trotzdem wesentliche Unterschiede zwischen diesen beiden Relegationsbegegnungen ausmachen? Außer, dass es um zwei verschiedene Ligen ging? Vorweg bemerkt: Als Wolfsburg das Stadion eröffnet hat, war ich in der Wolfsburg-Jugend unterwegs und durfte das Stadion quasi auch mit einweihen. Von daher kannte ich das Stadion schon ziemlich gut. Die Münchner Arena ist natürlich allemal ein Unterschied dazu. Aber auch wenn die Volkswagen-Arena etwas kompakter ist, hat das dort aber auch seinen eigenen Charakter gehabt. Immer wenn die Tormusik kommt, das Scheinwerferlicht aufflackert und in dem Moment alles drumherum pulsiert, dann hat das schon was. Das war an sich schon eine geile Atmosphäre im Hinspiel. Und daran hatten die mitgereisten Holstein-Fans auch einen großen Beitrag.


Wolfsburg war beide Partien zusammengenommen sicher überlegen, aber eben auch nicht übermächtig. Spieler wie Brekalo und Malli zum Beispiel haben mächtig gewirbelt – mit einem Linksaußen vom SV Sandhausen sind die beiden halt nicht zu vergleichen. Aber woran liegt das eigentlich? Sind die einfach nur schneller oder wo sind diese großen individuellen Unterschiede zwischen Erstliga- und Zweitligaspieler? Erst mal ganz klar die Effektivität. Erstligisten wissen mit einzelnen Situationen schneller etwas und eben auch mehr anzufangen. In der zweiten Liga wird teilweise auch noch ausprobiert, gewinne ich vielleicht das Eins-gegen-eins oder auch nicht. In der ersten Liga wägen die Spieler vorher mehr ab, ob es überhaupt Sinn macht, ins Eins-gegen-eins zu gehen. Dann denke ich, ein großer Unterschied ist auch, dass die Erstligisten es alle gelernt haben und gewohnt sind, immer in einer lauten Atmosphäre miteinander zu kommunizieren. Und sie wissen auch ohne viele Worte, wo die Räume sind, wo sie stehen müssen. In der zweiten Liga kann man sich in manchen Stadien teilweise während der Partie noch unterhalten und mal Kommandos geben. Das ist eine Liga höher doch eher schwieriger und man sollte da dann schon wissen, was ich jetzt zu tun habe, wenn der eine das macht und der andere das, damit man als Mannschaft den Gegner vernünftig verteidigen oder eben auch angreifen kann.

Wie hat Euch der Trainer auf so einen Gegner vorbereitet? Solltet Ihr Euch von Anfang an auf Eure eigentliche Stärke besinnen und diese durchziehen oder hat er andere Tugenden gefordert? Welche wie Du sie zum Beispiel verkörperst: also ackern und kämpfen. Der Gegner wurde damals grundsätzlich analysiert wie jeder andere auch: Stärken und Schwächen wurden herausgefiltert. Markus Anfang hat uns aber grundlegend so eingestellt, auch wenn der Gegner Wolfsburg war, unser Ding durchzuziehen. Wir sollten das anwenden, was wir die ganze Zeit in der zweiten Liga erfolgreich gemacht haben: Unser Spiel spielen – auch gegen Wolfsburg!


Ihr seid leider mit einem 1:3 aus Wolfsburg wieder abgereist. Wie bewahrt man sich – egal ob Du alleine oder in der ganzen Mannschaft – den Glauben, dass man das Ding gegen einen Bundesligisten zu Hause noch drehen kann? Der Glaube war einfach generell da. Wir wussten vor den beiden Spielen, dass wir nichts zu verlieren hatten. Das galt ja für die anderen, wir hatten nur etwas zu gewinnen. Das hat uns auf jeden Fall gestärkt. Dass der frühe Gegentreffer im zweiten Spiel dann zurückgenommen wurde, hatte uns eigentlich noch mal den Rücken gestärkt. Wir hatten immer das Gefühl, dass auch in diesem schweren Spiel ein Tor für uns alles in die andere Richtung gehen lassen würde. Es ist eben leider nur nie gefallen.


Wie liefen überhaupt die drei Tage zwischen den Spielen? Klar, Ihr habt trainiert. Aber sonst? Gab es überhaupt Dinge, auf die Du Dich großartig konzentrieren konntest? Die Zeit verging relativ schnell, soweit ich mich daran erinnern kann. Wieder haben regeneriert, das Hinspiel noch mal analysiert und uns auf das Rückspiel eingestellt. Dann stand das zweite Spiel auch schon vor der Tür. Viel Zeit zum Nachdenken hatte man da nicht.

Dominic Peitz hat direkt nach dem Spiel einen – ich möchte fast sagen – legendären O-Ton abgegeben, in dem er zum einen die Wolfsburger Spieler kritisierte und zum anderen die Relegation an sich. Sie sei Geldmacherei. So wie Dominic hast auch Du zwei Relegationen verloren. Hast Du da eine ähnliche Meinung wie Dein ehemaliger Teamkollege? Ja, definitiv. Also, wenn eine Saison zu Ende ist und man ist Dritter oder eben Drittletzter, dann hat man in meinen Augen eben den Aufstieg oder Abstieg verdient. Dass eine Saison länger gemacht wird, ist primär eine Sache für Fans und Sponsoren, für die es dann interessant ist. Dadurch können definitiv auch Gelder eingespielt werden. Ich halte die Relegation auch für unnötig. Die Spiele fallen auch noch in die eigentliche Sommerpause rein. Da wird den Spielern also sogar noch Urlaub geklaut. Meiner Meinung nach haben sich die Vereine vor der Relegation ihren Auf- oder Abstieg verdient.


Da sind wir vollends d'accord. Du hattest die Saison schon als gut bewertet. Da sind wir uns alle auch schnell einig. Nach dem Rückspiel sind ein paar Jungs in der Kabine geblieben und haben sich den Frust sozusagen ein bisschen runtergespült. Warst Du bei diesen Jungs dabei oder wie hast Du am Abend diesen Nichtaufstieg verdaut? Erst mal muss ich sagen, dass es ja auf jeden Fall schon mal ein anderes Gefühl war als das gegen 1860 München. In der Allianz-Arena wurde uns ja in letzter Minute der Boden unter den Füßen weggezogen, als plötzlich das 1:2 passierte. Gegen Wolfsburg hat es sich in den beiden Spielen über einen längeren Zeitraum herauskristallisiert, dass es nicht reichen wird und wir nicht aufsteigen. Von daher konnte ich das dann doch nüchtern betrachten. Natürlich war ich enttäuscht – wie all die anderen Jungs auch –, aber ich hatte den Kopf dann auch schnell wieder oben.



Also war es auch nicht nötig, dass Ihr Euch noch mal in der Gruppe zusammengefunden hat, um das Ganze gemeinsam zu verdauen? Wir hatten am Tag danach ja trotzdem noch unsere Rathaustour. Was für uns aber doch ziemlich merkwürdig war. Für die Fans war das bestimmt eine schöne Geschichte, auch der Empfang im Rathaus und die Reden dort waren sehr euphorisch. Aber wir waren eben die Spieler, die zwar eine tolle Saison gespielt haben, aber am Ende doch nichts zu feiern hatten. Das war mir ein bisschen suspekt, muss ich ehrlich gestehen. Damit konnte ich nicht wirklich etwas anfangen. Es war schön, den Fans noch mal Danke zu sagen und andersherum vielleicht auch. Aber so eine große Party deswegen zu machen, war mir ein bisschen zu viel. Da war die Enttäuschung nach dem Spiel dann doch zu groß.


Bei uns ist jetzt aber die Freude groß, dass Du Dir die Zeit für uns genommen hast. Vielen Dank dafür, Patrick! Hoffen wir mal, dass es nicht allzu lange dauert, bis wir Dich auch mal wieder auf dem Platz sehen können. Bis dahin, bleib gesund! Danke schön, Ihr auch!


Bildergalerie - Herrmi bei der Relegation



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